REVOLUTIONÄRER SYNDIKALISMUS, TEIL2

Weiterführend zum Beitrag: http://oufront.blogsport.de/2007/04/23/revolutionaerer-syndikalismus/

III. Die C.G.T.

Wir haben gezeigt, dass die syndikale Organisation ihren Zusammenschluss in 3 Stufen erreicht. Die Basis des Aufbaues wird durch die einzelnen Syndikate, die zweite Stufe durch die Arbeitsbörsen, Lokal- oder Regional-Unionen einerseits und durch die national-korporativen Föderationen andrerseits gebildet. Die dritte Stufe oder besser die Spitze dieser Pyramide stellt die C.G.T. dar, La Confédération du Travail. Sie wurde, wie geschildert, 1895 auf dem Kongress von Limoges gegründet und durch Artikel I ihrer Statuten nach heftigen Debatten mit sehr starker Mehrheit als politisch neutral festgelegt. Ihre Organisation „scheint auf den ersten Anblick ziemlich kompliziert, ist aber tatsächlich so einfach wie möglich, da die Notwendigkeiten der Propaganda und des Kampfes als natürliches Ziel gegeben sind“ (16).
Im Gegensatz zu den demokratischen Organismen mit ihrem „zentralen Autoritarismus“ soll nach den Ausführungen von Pouget (17) die C.G.T. kein Organ der Direktion, sondern nur der Koordination der autonomen Verbände sein zur Erweiterung und Vertiefung des Aktionsgebietes der Arbeiterklasse. Es herrscht hier „Kohäsion und nicht Zentralisation, Impulsion und nicht Direktion“, also nur unverbindliche Direktive. Über dem Ganzen waltet reiner Föderalismus, und dabei sind auch die Einzelorganismen alle autonom: das Individuum und das Syndikat, die Föderation und die Arbeitsbörse.
Der Impuls geht nicht regelmäßig von oben aus, sondern von irgend einem Punkte, und pflanzt sich, immer weitere Kreise ziehend, über die ganze Masse fort.
Als Zweck der C.G.T. ist in den Statuten bezeichnet: die Vereinigung der Lohnarbeiter zur Wahrung ihrer moralischen und materiellen, ökonomischen und beruflichen Interessen. Unter Ausschluss jeder politischen Richtung sammelt sie alle Arbeiter, die entschlossen sind, das Verschwinden des Lohnsystems und des Unternehmertums zu erkämpfen.
Aus der vollständigen Neutralität, auch der konfessionellen, lässt sich aber keineswegs auf Untätigkeit schließen. Wenn die C.G.T. auch keinerlei Anteil am politischen Leben nimmt, da sie anti- oder wenigstens a-parlamentarisch, wie sie anti- oder a-patriotisch und a-religiös ist, so reagiert sie doch energisch gegen Regierung und öffentliche Gewalt durch den „äußeren Druck“ ihrer Aktion, wie noch näher dargelegt werden wird.
Wie schon angedeutet, setzt sich die C.G.T. zusammen aus den 2 Sektionen der beiden großen Verbände. Die eine Abteilung wird gebildet durch die national-korporativen Föderationen, hauptsächlich Industrieverbänden; die andere Abteilung ist die Sektion der Arbeitsbörsen und Lokalunionen: „zwei Zweige, unentbehrlich für die Propaganda“ (18).
Jeder Sektion ist natürlich ihre volle Autonomie gewahrt; für jede Abteilung besteht ein eignes autonomes Komitee, zu dem jede angeschlossene Organisation einen Abgeordneten bestimmt und das ein eigenes Bureau bildet mit eigenem Sekretär und Hilfssekretär zur Besorgung seiner Angelegenheiten. Jedes der beiden Komitees handelt in seinem Bereiche betr. Propaganda, Beiträge usw. mit voller Selbständigkeit; führt auch statutengemäß ein eigenes, autonomes Budget.
Zur Regelung allgemeiner, die Gesamtheit der Arbeiterklasse interessierender Fragen treten die Abgeordneten der beiden Sektionen zu einer Einheit, dem „konföderalen Komitee“ zusammen, „das seinerseits 3 ständige Kommissionen ernennt und zwar je eine für das offizielle Organ, für die Streiks und den Generalstreik und für die Kontrolle“, für administration et initiative.
Aus den beiden, oben aufgeführten, Sektionsbureaus bildet sich das Verbandsbureau mit etwa 7 Mitgliedern, von denen die beiden Sektionssekretäre die wichtigsten sind. Der jeweilige Sekretär der Föderationssektion führt den Titel eines Sekretärs der C.G.T.
„Das Verbandsbureau ist also das eigentlich permanent leitende Organ, das die Sitzungen des Verbandskomitees vorbereitet und die Durchführung der von ihm gefassten Beschlüsse überwacht“ (19).
Nach Pouget (20) soll das konföderale Komitee „die Rolle des Kondensators übernehmen und ein Element der Polarisation bilden, niemals der Direktion“, um seinen eigenen Willen durchzusetzen. Es führt auch keine eigne Kasse; die Ausgaben werden nach gleichen Teilen durch die beiden Sektionen aufgebracht. Zur Deckung derselben erhob z. B. im Januar 1910 die Abteilung der Föderation auf je 100 Mitglieder 60 cts. Monatsbeitrag, die Abteilung der Arbeitsbörsen von jedem Mitglied 5 cts. Monatsbeitrag. Das Budget (21) der Sektion der Föderationen für die Zeit vom 1. Juni 1906 bis 30. Juni 1908 wies 22.237 Frcs. Beiträge, mit anderen Einnahmen und dem früheren Kassenbestand 27-339 Frcs. Einnahmen auf, denen 23.530 Frcs. Ausgaben gegenüberstanden. Die durchschnittliche Höhe dieser Jahresbeiträge von ca. 11.118 Frcs. würde dann auf einen Bestand von etwa 157.194 zahlenden Mitgliedern hinweisen. Die Sektion der Börsen hatte in gleicher Zeit 15.640 Frcs. Beiträge erhoben und eine Gesamteinnahme von 16.400, eine Gesamtausgabe von 16.080 Frcs. zu verzeichnen. Die Zahl der beitragsleistenden Mitglieder berechnete sich somit auf 176.400.
Im Gegensatz zu den englischen und deutschen Gewerkschaften spielt also bei der C.G.T. das Geld keine große Rolle; für sie ist es nicht der „Nerv des Krieges“. Die genannten Beiträge dienen übrigens nicht für solidarische, sondern nur für Zwecke der Verwaltung und Propaganda. Unterstützungseinrichtungen ersterer Art stehen ja durchweg abseits der syndikalistischen Bewegung. Auch bei Ausbruch eines Streiks leistet die C.G.T. keine pekuniäre, sondern nur moralische Unterstützung; sie entsendet Abgeordnete nach dem Streikgebiet und sucht den Kampf in die rechten Bahnen zu lenken, um den Arbeitern ihren Erfolg zu sichern. Direkte Unterstützung bleibt Sache der Verbände und der etwaigen Streikkassen.
Das Organ der C.G.T. ist die wöchentlich erscheinende Voix du Peuple, in der erwähnten beschränkten Auflage von 7000 Exemplaren.
Alle 2 Jahre findet ein Generalkongress statt, der ungefähr den Generalversammlungen der einzelnen Syndikate entspricht. „Seine Tagesordnung wird durch das Verbandskomitee nach Anhörung der verbandsmäßigen Organisation festgestellt“ (22). Die gepflogenen Verhandlungen drehen sich meist um Propagandafragen und allgemeine Orientierungen über Stand der syndikalistischen Bewegung. Auf diesen Generalkongressen haben nur die Syndikate beschließende Stimme, da sie allein die konföderalen Einheiten bilden. Den Abgeordneten der korporativen Föderationen und der Arbeitsbörsen steht nur Teilnahme mit beratender Stimme zu. Auf dem Kongresse von Montpellier 1902 wurde bestimmt, dass nur diejenigen Syndikate der C.G.T. angehören könnten, die auch Mitglieder ihrer Börse und auch ihrer Föderation wären, wo eine solche bestände. Pouget (23) hält diese „Doppelverpflichtung für eine unbedingte Notwendigkeit“. Der einheitliche Zusammenhang und Zusammenhalt wird jedenfalls dadurch gefördert.
Von großer Bedeutung war der korporative Kongress zu Bourges, 17. November 1904, auf dem über 1.200 Organisationen durch 400 Abgeordnete vertreten waren. Es drehte sich dort hauptsächlich um die Frage, welche von den beiden syndikalistischen Richtungen, die revolutionäre oder die reformistische, am meisten den Arbeiterbestrebungen entsprechen würde. Mehr als 2/3 der Vertreter soll nach Pouget (24) für die revolutionäre Methode gestimmt haben. „Zum ersten Male wurde dem Syndikalismus als négateur der gegenwärtigen Gesellschaft, seinen Theorien und der Art und Weise seiner Betätigung eine kategorische Sanktion erteilt.“
Am Kongress in Amiens 1906 nahmen 1.000 Syndikate mit 400 Abgeordneten teil. Die Beziehung zur sozialistischen Partei wurde mit 830 gegen 30 Stimmen abgelehnt. Es wurde proklamiert, dass die Konföderation autonom bleiben muss und anerkennt, dass sie der alleinige Organismus des wirklichen Klassenkampfes ist; desgleichen, dass der Syndikalismus ohne äußere Vermittlung geeignet ist, durch den Generalstreik die kapitalistische Expropriation und die soziale Reorganisation auf der Basis des Syndikates, das aus einer Vereinigung des Widerstandes sich zu einer Vereinigung der Produktion und der Verteilung umgestaltet wird, vorzubereiten und zu verwirklichen.
Ueber dem vorletzten Kongresse, Marseille 1908, auf dem 1.200 Syndikate vertreten waren, lagerte schwerer Druck, da die Mitglieder des konföderalen Bureaus wegen Aufreizung bei den Ausschreitungen zu Villeneuv-Saint-Georges verhaftet waren und der Minister C l e m e n c e a u beabsichtigte, die C.G.T. aufzulösen.
Einen Hauptpunkt der Tagesordnung bildete der Anti-Militarismus und die Haltung der Arbeiterklasse im Falle eines Krieges. Mit 670 gegen 406 Stimmen gelangten die betr. Anträge im revolutionär-syndikalistischen Sinne zur Annahme.
Der letzte Kongress fand, wie Seite 45 schon erwähnt, vom 3.-10. Oktober 1910 zu Toulouse statt; wesentlich Neues wurde nicht zutage gefördert.
Zum Schluss hier noch eine kurze Zusammenstellung der Generalkongresse der C.G.T.: 1895 Limoges, 1896 Tours, 1897 Toulouse, 1898 Rennes, 1900 Paris, 1901 Lyon, 1902 Montpellier, 1904 Montpellier, 1906 Amiens, 1908 Marseille, 1910 Toulouse.
Die Zahlenverhältnisse der C.G.T. sind schon berührt.
Delesalle (24) nennt die C.G.T. „den Schrecken der Bourgeoisie, die beständige Unruhe der politischen Sippe, die beide ihr zwar zuweilen schmeicheln, aber sie fürchten und darum ihren Untergang herbeiwünschen“. Pouget (25) kennzeichnet ihre Bedeutung als „eine Waffe der Arbeiter, mit der die kapitalistische Gesellschaft rechnen muss“.