REVOLUTIONÄRER SYNDIKALISMUS

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Anschließend an den Beitrag zur Internationalen Allianz der sozialen Demokratie möchte ich nicht viel sagen. Es ist nicht unbedingt notwendig die ganzen Streitereien auseinander zu nehmen. Aus heutiger Perspektive scheint mir wichtiger zu sein die Ideen Revue passieren zu lassen. Und hier speziell die, die durch die Dominanz der Strömungen, die sich um die konservativste Arbeiterklasse Europas – die deutsche – bemühten, meist untergingen.
Die Konflikte in der Internationale eskalierten letztlich wegen einer Organisationsfrage. Ein Teil wollte mehr Zentralismus, den Trend der Vergrößerung der Macht des Generalrates weiter ausbauen. Der andere Teil bestand auf die Autonomie der Landesföderationen. Die Zentralisten setzten sich auf einem Kongress durch, zusätzlich wurde der Parlamentarismus zur unerlässlichen Kampfpraxis der Arbeiterklasse erhoben und Bakunin und James Guillaume ausgeschlossen. In der Folge dieses Kongresses spaltete sich die gesamte Internationale. Die zentralistische besiegelte quasi ihr Ende auf ihrem nächsten Kongress, die Föderalisten gründeten eine eigene, die hauptsächlich aus Föderationen und Sektionen aus dem Jura, Belgien, Spanien und ferner Frankreich und Italien bestand. Aber auch sie schrumpfte bald zusammen. Ihre Ideen lebten einige Jahre später in Frankreich wieder auf und davon handelt der folgende Text – herausgerissene Kapitel aus unten genanntem Werk. Ein weiterer Teil und die Fußnoten werden folgen.

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„Der moderne französische Syndikalismus
von Dr. Anton Acht
Jena, Verlag von Gustav Fischer, 1911
Diese Abhandlung bildet zugleisch das dritte Heft des neunten Bandes der „Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Jena“, herausgegeben von Prof. Dr. Pierstorff.“

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Die Syndikate und ihre Organisation

Wie Pouget (2) ausführt, ergab sich nach den traurigen Erfahrungen und langem, langem Warten für die Arbeiter die Notwendigkeit, sich endlich nicht mehr von den Politikern nasführen zu lassen, sondern sich loszumachen von der Bourgeoisie und gegen sie aufzutreten. Pouget nennt die Lage des Lohnarbeitertums eine Hölle, von der freilich in den Volksschulen nichts erzählt würde. „Und doch“, so fügt er bei, „kann der einfachste Verstand begreifen, dass alle menschlichen Wesen eine gesicherte Existenz haben müssen und nicht gezwungen werden dürfen, von der Wiege bis zum Grabe das Leben von Galeerensklaven zu führen“. Und zur Schaffung eines menschenwürdigen Zustandes erwies sich schließlich die Selbsthilfe als das einzig wirksame Mittel, das seine Verwirklichung im Syndikat fand.
„Die Sentenz des Sokrates: Erkenne dich selbst!“ ist im Syndikat vervollständigt durch den Grundsatz: „Besorge deine Angelegenheiten selbst!“
Diese Proklamation, dass „die Arbeiteremanzipation die Tat der Arbeiter selbst sein müsse“, stammt von der internationalen Arbeiterassoziation. Von den Syndikaten wurde die Ausführung aber tatkräftig in die Hand genommen, und heute setzt der Syndikalismus das Werk der Internationalen fort; der Syndikalismus des 20. Jahrhunderts fließt aus dem des 19. hervor. So ist das Syndikat „eine Schule des Willens, eine Kondensation der Arbeiterkräfte“. Seine Bedeutung liegt nicht in den eingezahlten Beiträgen, sondern in der „Vervielfältigung der vereinigten Energien seiner Mitglieder“. Aus den früheren Gesellschaften zur gegenseitigen Unterstützung sind solche des Widerstandes geworden „ein schöner Titel voll Ausdruck und Bestimmtheit, der in sich allein schon ein Aktionsprogramm trägt.“
Beschränkte das Syndikat sich nur auf Hilfeleistung, Unterstützung, so wäre nach revolutionärer Anschauung seine soziale Rückwirkung gleich null; seine Tätigkeit gliche nicht einer lebendigen, frischsprudelnden Quelle, sondern einem versumpften Wasser, und berührte nicht die Wurzel des Arbeiterelendes, die bestehende Gesellschaftsordnung. Deshalb ist und muss das Syndikat eine Kampforganisation sein; der Kampf ist sein Lebensprinzip, sein Lebenselement. Es muss ohne irgendwelche Ablenkung seine Kraft und Energie voll und ganz für seine Zwecke allein in Anspruch nehmen. Aus diesem Grunde bleiben die Genossenschaften der Konsumtion und besonders der Produktion – so nützlich sie auch an sich sein mögen – besser ganz abgesondert von den Syndikaten und für sich allein.
Das Wirken der Syndikate erstreckt sich zunächst auf die Gegenwart und erstrebt durch seine Aktion für die augenblickliche Lage die Erlangung von teilweisen, schrittweisen Besserungen, die – weit entfernt, ein Zweck zu sein – nur betrachtet werden können als Mittel, immer mehr zu verlangen und dem Kapitalismus andauernd neue Zugeständnisse zu entreißen. Also mit Unrecht werden die Syndikalisten als Anhänger des „Alles oder Nichts!“ d. h. als Gegner von erreichbaren augenblicklichen Aufbesserungen hingestellt. Freilich ist in den Syndikaten durch die traurigen Erfahrungen ein „begründetes Misstrauen“ gegen den Staat und seine reformatorischen Maßnahmen eingewurzelt. Pouget nennt den Staat den „Gendarm des Kapitalismus“. Deshalb widerstreben die Syndikate auch dem staatlichen Arbeitsrat, den obligatorischen Schiedsgerichten, der Verleihung der Handelsfähigkeit, der Reglementation des Streiks, deren unausbleibliche Folge nach syndikalistischer Auffassung eine Entnervung der Widerstandsfähigkeit der Arbeiter sein würde. Durch die „Pression Extérieure“, besonders durch gewaltige Demonstrationen wirkt das Syndikat direkt auf die öffentliche Gewalt, nicht durch Versuche mit dem Parlament, dessen Tätigkeit von den Syndikalisten für „Kinderspiel“ gehalten wird, das in Jahrhunderten zu keinem Resultat gelangt.
Ferner wendet sich das Syndikat gegen drakonische Bestimmungen des Einzelvertrages, die es „als Vertrag des Löwenanteils zwischen dem mit Kapital gepanzerten Unternehmertum und dem von allem entblößten Proletarier“ grundsätzlich durch den Kollektivvertrag zu ersetzen versucht.
Auf die verschiedenen Mittel, wie Streik usw., gegen den Kapitalisten direkt vorzugehen, kommen wir noch im einzelnen. Jedenfalls hat jedes angewandte Mittel den Zweck, eine stetige Verminderung der kapitalistischen Privilegien und eine fortgesetzte, wenn auch nur stets geringe, Enteignung des Kapitalismus herbeizuführen.
Zur Erreichung der gesteckten Ziele und einheitlichen Durchführung ihrer Absichten hat nun die syndikalistische Arbeiterklasse auf dem Korporativkongress zu Limoges 1895 eine autonome, von allen Parteien unabhängige Organisation geschaffen und arbeitet ferner unausgesetzt daraufhin, sich auch von jeder staatlichen oder kommunalen Vormundschaft loszumachen. Dabei verwirft sie jegliche Anpassung an die gegenwärtigen Verhältnisse, da sie eine vollständige soziale Umgestaltung erstrebt. Im Gegensatz zu allen anderen Parteien und allen anderen Klassen haben die revolutionären Bestrebungen zur Bildung einer „Klassenpartei“ geführt. Ihre Aufgabe ist einerseits der tagtägliche Kampf gegen die Bedrückung und Ausbeutung des Arbeiters, andererseits sucht sie eine vollkommene soziale Reorganisation durchzusetzen und schon im voraus ihre Mitglieder zu befähigen, auf diesem kommunistischen Gebiete sofort ihre Stelle auszufüllen, wenn die Stunde gekommen.
Dieser geschaffene syndikalistische Organismus ist wesentlich föderalistisch und ganz einfach, aber recht praktisch aufgebaut. Die Basis bildet das Syndikat, dessen „konstitutive Zelle“ (2) das Individuum ist, – ein Agglomerat von Arbeitern. An zweiter Stelle steht der Verband, die Föderation oder Union der Syndikate, als Agglomerat der Syndikate. An dritter und letzter Stelle folgt die C.G.T., die Spitze der ganzen Pyramide, ein Agglomerat von syndikalen Föderationen und Unionen. Jede Staffel besitzt volle Autonomie ihres Organismus, d.h. wie Pouget (3) auseinandersetzt: die Föderationen und Unionen sind in der Konföderation autonom, die Syndikate in den Föderationen und Unionen, die Syndikalisten in den Syndikaten.
Also: „syndikale Autonomie, korporativer Föderalismus, allgemeine Konföderation“ (4).
Das Einfache und Praktische dieser Organisation ergibt sich auch aus dem Umstande, dass in ihr „nichts programmäßig Festgelegtes“ herrscht, sondern ihr natürlicher und logischer Aufbau vom Einfachen zum Zusammengesetzten fortschreitend, mit der Entwicklung der syndikalistischen Angelegenheiten Hand in Hand geht.
Betrachten wir die einzelnen Stufen etwas eingehender.

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I. Die Syndikate

Die Syndikate sind „die Zelle, der Keim“ der korporativen Organisationen und werden durch den Zusammenschluss der Arbeiter desselben Berufes, derselben Industrie oder einer ähnlichen Beschäftigung gebildet. Einzig und allein die Wahrung ihrer Interessen auf ökonomischem Gebiete, keinerlei philosophische, politische oder religiöse Bestrebungen bilden den Grund ihrer Vereinigungen. Ihre Gesinnung ist durchaus sozial und solidarisch; jeder Egoismus fernliegend.
In der geschichtlichen Entwicklung wurde dargelegt, dass die Syndikate erst 1884 gesetzliche Existenz erhielten, wenngleich sie lange vorher schon bestanden. Auch heute noch kümmern sich die Syndikate bei ihrem Misstrauen gegen den Staat möglichst wenig um die gesetzlichen Bestimmungen; die vorgeschriebenen Namensangaben des Vorstandes und der Mitgliederzahl werden tunlichst umgangen.
Die Verwaltung der Syndikate ist sehr einfach. Die Generalversammlung des Syndikats ernennt einen Syndikatsrat, „Conseil syndical“, von etwa 12 Mitgliedern, einen Sekretär und einen Schatzmeister. Diese Personen besorgen die ganze Verwaltung und sind lediglich Ausführungsorgane für die Beschlüsse der Generalversammlung.
Die Generalversammlung selbst ist stets souverän; ihre Beschlüsse sind – im Gegensatz zum Demokratismus – gültig und verbindlich ohne Rücksicht auf die Zahl der Anwesenden; Berufung findet nicht statt. Dadurch soll das Interesse jedes einzelnen angeregt und in Spannung gehalten werden. Allerdings kann die Generalversammlung auch durch ein Referendum, durch die Umfrage bei allen Mitgliedern, in besonders wichtigen Angelegenheiten eine Entscheidung herbeiführen. Dieses Recht steht zwar dem Syndikatsrat gleichfalls zu; würde er jedoch ein Referendum veranstalten, nur um die Beschlüsse der Generalversammlung zu umgehen, so bedeutete – wie Pouget ganz richtig folgert – „diese Einführung des politischen Systems einen kleinen syndikalen Staatsstreich“ (5).
Einfach wie die Organisation sind die Aufgaben des Syndikats, die wir schon mehrfach berührt haben; sie beschränken sich im wesentlichen auf Ineressenvertretung, Widerstand und Erziehung der Arbeiter. Die tägliche Arbeit vollzieht sich in gegenseitiger Unterstützung, wie Arbeitsbeschaffung für Arbeitslose, Krankenunterstützung usw., und zwar nicht nur der Mitglieder des Einzelsyndikates, sondern der Gesamtheit der Korporation. Freilich sind diese Werke, die früher den Hauptzweck der Syndikate vor der Regierung verschleiern mussten, zurückgetreten gegenüber dem Widerstand gegen die „kapitalistische Ausbeutung“. Dadurch unterscheiden sich also die französischen Syndikate wesentlich von den englischen, deutschen usw., wo die Unterstützungszwecke die Hauptaufgabe bilden. In Frankreich sind, wie schon angedeutet, diese Zwecke mehr außerhalb der Syndikate Übung, um die Kampfeskräfte nicht zu schwächen oder gänzlich aufzusaugen.
Bei den von den Syndikaten geschaffenen sozialen Einrichtungen stehen an erster Stelle die professionellen Bibliotheken, an zweiter die Arbeitsnachweise, während die Unterstützungseinrichtunegn nur den 5. Teil einnehmen; und erst nach diesen folgen die Kassen für Arbeitslosen-, Reiseunterstützungen – das sogenannte viaticum – mit etwa 1/6 der Gesamteinrichtung (6). Die Kassen sind meist nur autonome Filialen der Syndikate ohne Zwangscharakter.
Die Zahl der Syndikate wird durch eine amtliche Statistik des Handelsministers vom 1. Januar 1908 auf 5500 (gelbe und rote) angegeben. Unter diesen sind, wie schon erwähnt, die stärksten und tätigsten die an die C.G.T. angeschlossenen, die allein in der Sektion der Föderationen 2600 Syndikate zählen. Und wenn man in Betracht zieht, dass in der Sektion der Arbeitsbörsen wohl noch 900 Syndikate vereinigt sind, die keine korporativen Föderation, sondern nur ihrer Arbeitsbörse angehören, so kann man konstatieren, dass mindestens 3500, also fast 2/3 der Syndikate konföderiert sind. Pouget behauptet ferner, dass unter den 5500 amtlich aufgeführten Syndikaten sich eine ganze Reihe von fiktiven, nicht oder nicht mehr existierenden befänden. Zudem seien besonders im Norddepartement die gelben Syndikate, die durch Unternehmer und religiöse Kongregationen errichteten Syndikate, deren Zahl sich auf etwa 100 belaufe, durchgängig recht schwach an Mitgliederzahl, zählten oft nur 30 Arbeiter einer Fabrik unter einem Werkführer. Sie tragen also tatsächlich von einem Syndikat nur die „Etikette“, zählen aber trotzdem offiziell mit.
Die weitaus größere und stärkere Mehrheit der Syndikalisten sind also Anhänger der C.G.T. und führen die Bezeichnung der „Roten“.

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II. Die Unionen und Föderationen der Syndikate

Zwischen den einzelnen Syndikaten und der C.G.T. befindet sich ein Mittelglied, das durch eine doppelte Reihe von föderativen Organismen den Anschluss herstellt. Dies Zwischenglied umfasst einerseits die Syndikate der verschiedenen Berufe, die sich in derselben Stadt oder näheren Umgebung zusammengetan haben, andrerseits die Syndikate desselben Berufes in einem größeren Gebiet.
a) Ganz naturgemäß, auf leichte und einfache Art, schlossen sich zunächst die verschiedenen Syndikate einer Stadt zusammen und diese Union der Syndikate derselben Stadt, die sich als äußert wichtig und notwendig erwies, ist derartig erfolgreich gewesen, dass sie in ihrer Entwicklung selbst die korporativen Föderationen überflügelte. Sie führen den Namen „Bourses du travail“, Arbeitsbörsen oder Arbeitskammern; besitzen meist eigene Lokale oder sogar Häuser und sollen in der umgestalteten Gesellschaft die Stelle der Munizipalität, der Gemeindeverwaltung, einnehmen und ausfüllen.
Largardelle (7) bezeichnet die Arbeitsbörsen als tatsächliche „Basis des gegenwärtigen Syndikats. Ihre Geschichte ist die des Ursprungs des Syndikalismus.“
Die Idee der Gründung von Arbeitsbörsen ging nach Delesalle (8) wahrscheinlich 1845 von Molinari, dem Chefredakteur des „Journal des Économistes“ aus, kam aber nicht zur Ausführung durch die Gleichgültigkeit und das Misstrauen der Arbeiter einerseits und durch das feindselige Verhalten der Unternehmer andererseits.
Molinari sowie die ersten bürgerlichen Verfechter dieser Idee der Arbeitsbörsen hatten aber nur die Regelung des Arbeitsmarktes und Arbeitslohnes als Ziel und Zweck der Arbeitsbörsen im Auge.
Im Februar 1851 brachte der Volksvertreter Ducou im Bureau der gesetzgebenden Versammlung ein ähnliches Projekt vor, das aber als „unbrauchbarer und vielleicht verfrühter Versuch“ mit 418 gegen 218 Stimmen abgelehnt wurde.
Nach einer Ruhepause von fast 25 Jahren forderte dann im Jahre 1875 eine Arbeiterpetition vom Pariser Munizipalrat eine Arbeitsbörse oder wenigstens einen geschlossenen Raum, wo man betreffs Arbeitsübernahme verhandeln könnte. Die Eingabe wurde einer Kommission überwiesen und ohne Sang und Klang begraben. Endlich, am 5. Nov. 1886, als die sozialistischen Ideen größere Bedeutung gewonnen hatten und durch das Gesetz von 1884 den professionellen Syndikaten gesetzliche Existenz verliehen war, wurde der so lange gehegte Wunsch nach einer Arbeitsbörse in Paris erfüllt. Infolge der äußerst günstigen und kräftigen Entwicklung, die geleitet und beseelt wurde von dem Gedanken und der Absicht, dass die Syndikate „eines Tages zur Übernahme der gesamten Produktion berufen sein könnten, und dass sie der Embryo der freien Vereinigungen der künftigen Produzenten seien“, wurde bald das durch die Stadt gemietete Lokal in der Jean-Jaques-Rousseau-Straße zu klein. Am 22. Mai 1892 erfolgte die Einweihung des jetzigen in der Château-d‘Eau-Straße.
Dem Beispiel der Hauptstadt folgten bald: Béziers, Montpellier, Cette, Lyon, Marseille, Saint-Etienne, Nîmes, Toulouse, Bordeaux, Toulon, Cholet usw.
1892 wurde in Saint-Etienne der erste Kongress der Arbeitsbörsen abgehalten, auf dem von den 15 bestehenden 10 vertreten waren, und wo vor allem die vollständige Unabhängigkeit von der Regierung als Haupterfordernis ihrer Lebensfähigkeit festgelegt wurde. „Das Bedürfnis und der Geist der Unabhängigkeit, der Kampf gegen den bourgeoisen und demokratischen Staat, die direkte Aktion, alles das, was nach einigen Jahren die Charakteristik des französischen Syndikalismus ausmachte und der C.G.T. ihre in der Bewegung der Arbeiterwelt eigene Originalität geben sollte, das ist im Keime in der Tagesordnung des Kongresses zu Saint-Etienne enthalten (9).“
Zum ersten Male in Frankreich wurden hier durch die Abgeordneten die ökonomischen Interessen ihrer „ausgebeuteten Kameraden“ vertreten ohne Rücksicht auf Parteistellung.
Die anschließende Weiterentwicklung ist an gegebener Stelle geschildert. Erwähnt sei noch, dass der Ursprung der Idee der Vereinigung der einzelnen Arbeitsbörsen „mehr politisch als ökonomisch“ (10) gewesen sein soll.
Im Laufe der Jahre reihte sich Kongress an Kongress. Es sind folgende: Febr. 1892 zu Saint-Etienne, Febr. 1893 zu Toulouse, Juni 1894 zu Lyon, Juni 1895 zu Nîmes, die folgenden alle im September und zwar 1896 zu Tours, 1897 Toulouse, 1898 Rennes, 1900 Paris, 1901 Nizza, 1902 Algier.
Unvergesslich bleibt für die Entwicklung der Arbeitsbörsen die Wirksamkeit des leider so früh verstorbenen Fernand Pelloutier, dessen Biographie S. 65ff. kurz gegeben ist. Er teilte (11) die Aufgaben der Arbeitsbörsen in 4 Klassen ein, um allen Anforderungen der Arbeiter gerecht zu werden, nämlich:
1. für gegenseitige Unterstützung: Arbeitsnachweis, Arbeitslosen-, Unfall-, Krankheits- und Reiseunterstützung;
2. für Unterricht: Bibliothek, Unterrichtskurse zur Förderung der allgemeinen und beruflichen Ausbildung, soziales Museum;
3. für Propaganda: ökonomische und statistische Forschungen, Gründung von industriellen, Landarbeiter- und maritimen Syndikaten, Beteiligung an der Wahl von Sachverständigen, deren Überwachung usw.;
4. für Widerstand: alles, was sich befasst mit dem Kampf gegen die kapitalistische Organisation; Streikorganisation und Errichtung von Streikkassen und Suppenanstalten; Agitation in jeder Form, auch gegen die Gesetze, welche die ökonomische Aktion beeinträchtigen. –
Man erkennt aus dem ganzen Aufbau und der vielseitigen Tätigkeit der Arbeitsbörsen unschwer ihre große erzieherische Wichtigkeit und ihren hohen Wert für die Entwicklung des Klassenbewusstseins.
Von seiten der Regierung kam man den Arbeitsbörsen anfangs meist wohlwollend entgegen und wandte ihnen sogar Subventionen zu, allerdings nur in der bestimmten Erwartung, sie dadurch auf die Regierungsseite ziehen und im staatlichen Sinne verwenden zu können. Entsprachen aber die Arbeitsbörsen den staatlichen Absichten wenig oder gar nicht, so kehrte sich das vorherige Wohlwollen um, die Unterstützungen wurden entzogen oder die Börsen geschlossen.
Die Zahl der zur C.G.T. gehörenden Arbeitsbörsen oder lokalen Unionen beträgt augenblicklich 157. Von den 2600 Syndikaten, welche diese umfassen, sind 1700 einer nationalen korporativen Föderation angeschlossen, während 900 nur der einen der beiden konföderalen Sektionen, nämlich der der Arbeitsbörsen angehören und deshalb als einseitig angeschlossene „boiteux“, hinkende, genannt werden.
Die Zunahme der Arbeitsbörsen zeigt die von Delesalle (12) aufgestellte Übersicht. Vom Kongress zu Saint-Etienne 1892, wo von 15 bestehenden 9 oder 10 vertreten waren, bis zum Kongress von Nîmes 1895, hatten sich die Arbeitsbörsen schon auf 40 vermehrt, bis 1900 auf 57.
Wir lassen hier die weitere Übersicht von 1900 an folgen.

Jahr – Zahl der Börsen – Zahl der Syndikate – Zunahme der Börsen – Zunahme der Syndikate
1900 – 57 – 1065 – – – -
1902 – 83 – 1112 – 26 – 47
1904 – 110 – 1349 – 27 – 237
1906 – 135 – 1609 – 25 – 260
1908 – 157 – 2028 – 22 – 419

Die wachsenden Zahlen gelten für die Syndikalisten als die beste Widerlegung der Angriffe auf die Taktik und Aktion der C.G.T. und der Sektion der Börsen.
Verwaltet werden diese lokalen Organisationen durchaus nach den Grundsätzen des Föderativprinzips. An der Spitze steht ein Komitee, das aus freier Wahl hervorgeht. Zur Übernahme der Verwaltung ernennen nämlich die einzelnen angeschlossenen Syndikate einen evtl. mehrere Vertreter ohne bestimmte Mandatsdauer, so dass er jederzeit abberufbar ist und durch einen anderen ersetzt werden kann. Dadurch ist die ständige Fühlung mit der Vereinigung, die sie beauftragt hat, gesichert. Dieser Verwaltungsrat besorgt die laufenden Geschäfte der Arbeitsbörsen, vollzieht ihre Aufgaben der Solidarität und der Propaganda. Erstere befassen sich hauptsächlich mit unentgeltlichem Arbeitsnachweis, Reise-, Arbeitslosen- usw. – Unterstützung, Unterrichts- und Berufskursen, Rechtsauskunft, Gründung von Bibliotheken und dergl. Die Propaganda arbeitet auf die innere und äußere Entwicklung hin, fördert besonders Neugründungen von Syndikaten. So ist z.B. durch die rastlose Tätigkeit der Arbeitsbörsen du Midi der Syndikalismus aufs Land gedrungen und hat vor allem die Gründung zahlreicher Syndikate der Winzer veranlasst. Die Arbeitsbörse von Bourges hat im Zentrum Frankreichs die Holzarbeiter zu einem Nationalverband mit 104 Syndikaten organisiert; in der Umgebung von Paris entstand der Verband der Gartenarbeiter. Die Börse von Brest brachte es sogar fertig, in der Bretagne, die bis dahin gänzlich abseits jeder Bewegung stand, für ihre Ziele zahlreiche Anhänger zu gewinnen.
Allerdings ist die Zahl der syndikalistischen Verbände auf dem Lange gering im Vergleich mit den „landwirtschaftlichen Syndikaten, den „Syndicats agricoles“, die im allgemeinen konservative und antisozialistische Kleinwirte umfassen. Zudem ist der „Verband der Landarbeiter des Südens“, der streng syndikalistisch und revolutionär organisiert ist, in seiner Mitgliederzahl von 15000 auf 3400 zurückgegangen, wohl infolge der im Syndikalismus herrschenden Krisis“ (12). –
Bei Streiks sind die Arbeitsbörsen die Sammelpunkte der Ausständischen, wo die erforderlichen Maßnahmen beraten und geprüft werden.
Auch der Anti-Militarismus und Anti-Patriotismus hat dort seinen Hauptherd; gerade von den Arbeitsbörsen nimmt diese unheimliche Propaganda ihren Weg in die Herzen der „Vaterlandsverteidiger“.
Etwa 30 Börsen besitzen ein eigenes Organ, das meist monatlich erscheint. – Das von Marseille, Toulon, Nantes zweimal monatlich.
Die Bildung einer Arbeitsbörse kann an jedem Zentrum erfolgen, wo sich wenigstens 3 Syndikate befinden. Um nun der Gefahr einer Zersplitterung durch diese Vielfältigkeit zu begegnen und das gedeihliche Wirken der C.G.T. nicht zu beeinträchtigen, kam man zur Schaffung des Zwischengliedes der „Union régionale“ des Syndikate innerhalb eines Departements oder eines bestimmten Produktionsgebietes. Es wird dadurch der Übergang zur C.G.T. erleichtert. Derartige Unions régionales sind z. B.: die Union départementale de Seine-et-Marne, die aus den Lokalunionen von Melun, Meaux, Nemours usw. besteht; ferner die Union des Alpes-maritimes aus den Lokalunionen von Nizza, Mentone usw. -
Die Arbeitsbörsen sind dann wieder zu einem größeren Verband zusammengeschlossen, der nach unserer Darlegung bis zum Kongress von Montpellier 1902 Föderation der Arbeitsbörsen hieß, seit der dort erfolgten Verwirklichung der „Unité Ouvrière“ eine der beiden konföderalen Sektionen der C.G.T. wurde.
Wohlverstanden, dieser Zusammenschluss schließt keine Zentralisation in sich, jede Börse bleibt autonom, denn die Organisation des Syndikalismus hat den absoluten Föderalismus zur Basis. Jede Börse kann sich in der Sektion der Arbeitsbörsen, die ihre Generalversammlung als Sondertagung nach dem Nationalkongress der C.G.T. abhält, durch einen Abgeordneten vertreten lassen; es kann aber auch ein Abgeordneter zugleich 3 Börsen vertreten. Als Aufgabe der Sektion der Börsen sind durch Artikel 10 der konföderalen Statuten hauptsächlich folgende bestimmt: Beziehung zu allen Börsen zu unterhalten und ihre Arbeiten zu vereinfachen und zu vereinheitlichen; Gründung neuer Börsen oder syndikaler Unionen und den Anschluss der nicht föderierten zu betreiben; periodische Statistiken über Produktion, Konsumtion, Arbeitslosigkeit, Höhe der Löhne und Lebensmittel in den einzelnen Gegenden; Arbeitsvermittlung, Überwachung der Ausführung der Arbeitergesetze; Regelung in der syndikalen Verwaltung und Förderung der moralischen Erziehung der Arbeiter.
Das Comité fédéral der Arbeitsbörsen entwickelt eine außerordentlich eifrige Tätigkeit, besonders um über alle brennenden Fragen auf dem Laufenden zu bleiben und durch Manifeste und Zirkulare deren Kenntnis den Börsen zu übermitteln „zum Schutze gegen die Pläne eines sozialen Friedens von seiten der Regierung“ (13).
b) Hand in Hand mit diesen lokalen Vereinigungen ging die Entwicklung der nationalen Verbände „fédérations“ der Industrie und des Handwerks, deren Sektion „mehr eine Kampforganisation“ (14) ist. – Während also für Gründung von Arbeitsbörsen die einzelne Örtlichkeit maßgebend ist, erstrecken sich die korporativen Föderationen, gebildet aus Syndikaten derselben Industrie oder doch ähnlicher Berufe, über ganz Frankreich. Langjährige Erörterungen, ob man nach dem Berufe oder nach der Industrie, dem Betrieb gruppieren solle, führten auf dem Kongress von Amiens 1906 zu dem Beschluss, dass zwar die bestehenden Berufsverbände bleiben, aber künftighin nur noch Industrieverbände in die C.G.T. aufgenommen werden sollten.
Angeschlossen sind 64 Föderationen der Industrie und des Handwerks, während 21 isoliert dastehen. Ihr Einfluss erstreckt sich über das ganze Land. „Sie organisieren den Klassenkampf und bilden geradezu eine wichtige Ergänzung der Arbeitsbörsen. Beide sind in und durch ihren Zusammenschluss in der C.G.T. wohl die bedeutendste Organisation der Arbeiterwelt, die den Blick über die engen Grenzen der einzelnen Fabrik oder einzelnen Gegend und des einzelnen Berufes auf das Ganze und Allgemeine lenkt.“ Einigkeit macht sie stark und ausdauernd.
Die korporativen Föderationen sind nicht gleichmäßig organisiert. In den älteren, z. B. im Buchdruckerverband, besteht noch eine gewisse Zentralisation, die der Autonomie der Syndikate wenig Spielraum lässt. Aber dieser Typ der Organisation schwindet mehr und mehr unter dem Druck des revolutionären Bewusstseins, wenigstens nach Ansicht der revolutionären Richtung.
Die Art der Verwaltung ist demzufolge in beiden Arten von Verbänden eine verschiedene. Während in den älteren ein Zentralkomitee durch geheime Wahl auf ein Jahr ernannt wird, führt in den Föderationen mit wesentlich föderaler Basis ein föderales Komitee die Geschäfte. Dieses setzt sich zusammen aus den Abgeordneten, deren jedes angeschlossene Syndikat einen bestimmt. Auf diese Weise soll der Kontakt mit den einzelnen Syndikaten besser hergestellt, der Korporationsgeist mehr und durchschlagender zur Geltung kommen, die Persönlichkeit dagegen mehr zurücktreten.
Durch ihre Solidarität bilden diese starken Verbände eine gewaltige Macht gegen das Unternehmertum. Aber nur dann ist, wie Pouget (14) richtig bemerkt, ein greifbarer Erfolg ihrer Bestrebungen zu erwarten, wenn die beiden großen Organisationen, Föderationen und Arbeitsbörsen, zusammengeschlossen sind. Andernfalls wären „die lokalen Vereinigungen beschränkt durch den Horizont ihrer Gegend und die nationalen durch den Gesichtskreis ihrer Korporation.“ Um sich zu einem höheren Standpunkt, einer höheren Auffassung und einer höheren Macht zu erheben, erfolgte ganz naturgemäß der Zusammenschluss der C.G.T.
c) Vielleicht wäre hier noch zu erwähnen der Typus der „nationalen“ Syndikate mit ihren Sektionen. Sie bilden ja auch eine Art föderativen Zusammenschlusses, lassen aber der Selbstständigkeit nur wenig Spielraum, da sie „nach dem Muster der Staatseinrichtungen und dem System der Bevormundung aus Arbeitern des Staates oder großer Gesellschaften“ gebildet sind. Die einzelne Sektion ist fast völlig von der Zentralinstanz, dem übergeordneten Nationalsyndikat, abhängig, muss sogar 3/4 ihrer Beiträge an dieses abführen, so dass sie bei der niedrigen Höhe des verbliebenen Viertels auch für die eigenen Propaganda- und Unterstützungszwecke stets auf das Syndikat angewiesen ist.

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Durchweg weht in den syndikalistischen Verbänden ein frischer kräftiger Zug föderalen Geistes. Im Gegensatz zu dem in andern Ländern herrschenden Zentralismus, der nach Auffassung der Syndikalisten „die Arbeiterinitiative ertötet“, besitzen die französischen Syndikate volle Autonomie. Und dieser Geist der Selbständigkeit und des Föderalismus, der nach syndikalistischer Ansicht „das Wesen der ökonomischen Gesellschaft der Zukunft sein wird, gibt eben dem französischen Syndikalismus sein originelles Gepräge“ (15).
Die Mitgliederbeiträge in den Föderationen sind, dem syndikalistischen Wesen entsprechend, allerdings sehr gering; sie schwanken zwischen 10-40 centimes pro Monat. Wie dargelegt, sind ja die Unterstützungskassen meist nicht mit den syndikalen Einrichtungen verbunden, sondern selbständige Institutionen außerhalb oder neben den Syndikaten. Eine Ausnahme hiervon macht der Buchdruckerverband, den wir als Vertreter des älteren, weniger autonomen Types anführten. Er kommt nach Geist und Form den englischen und deutschen Organisationen näher, besitzt selbst ein ausgebildetes Unterstützungswesen und erhebt infolgedessen zwei Franks Monatsbeitrag.
Die Mehrzahl der Föderationen haben ein eigenes korporatives Organ, das durchweg monatlich erscheint und den Mitgliedern unentgeltlich zugestellt wird.
Zum Rückblick und zur weiteren Beschlussfassung halten die meisten Verbände alljährlich oder alle 2 Jahre, der Buchdruckerverband alle 5 Jahre, einen Kongress ab.
Augenblicklich bestehen ca. 60 Föderationen, die mit den drei Nationalsyndikaten mindestens 2600 Syndikate oder syndikalistische Sektionen umfassen und nach der Statistik der C.G.T. vom 1. Januar 1910 295.000 Mitglieder zählen. Diese Ziffer soll aber unter dem wirklichen Bestand bleiben.
Die meisten dieser 2600 Syndikate sind an ihre Arbeitsbörse oder Lokalunion angeschlossen, außer dort, wo eine solche im Bezirk nicht besteht. Die Zahl der „hinkenden“, d. h. derer, die zwar ihrer korporativen Föderation, aber nicht ihrer Arbeitsbörse oder Lokalunion angeschlossen sind, überschreitet nicht 300.
Unter den Föderationen ist die stärkste die des Baugewerbes mit 316 Syndikaten; ihr folgen die der Buchdrucker und der Metallarbeiter mit je 180 Syndikaten, dann die der Textilarbeiter mit 126 und die der Bergleute mit 60 Syndikaten. Auch die schon erwähnte, erst in den letzten Jahren einsetzende Gründung von Syndikaten auf dem Lande weist eine beträchtliche Zahl auf; so umschließt die Föderation der Landarbeiter, meist Winzer, im Departement du Midi 72 Syndikate, im Departement du Nord 15, ja die noch junge Föderation der Holzarbeiter hat die Zahl von 100 Syndikaten schon überschritten.
Die nationalen Syndikate weichen, wie schon erwähnt, in ihrer Organisation von den übrigen ab. Für ihre Gestaltung ist das der Eisenbahner typisch; es umfasst 270 Sektionen. Erst nach langem Ringen wurde ihnen das Recht, sich zusammenzuschließen, bewilligt und jetzt nach dem Eisenbahner-Streik soll es ihnen gesetzlich wieder beschränkt oder genommen werden. (Hierüber im Schluss der Arbeit Näheres – Lex Briand.)