INTERNATIONALE ALLIANZ DER SOZIALEN DEMOKRATIE

Ein weiteres Kapitel aus Fritz Brupbacher’s „Marx und Bakunin“. Für genauere Angaben zum Buch siehe „Bakunin über Marx“ auf diesem Blog.

Dieses Kapitel enthält das Programm der Internationalen Allianz der sozialen Demokratie, das interessant ist, weil hier schon die Forderung nach der Abschaffung des Erbrechts formuliert wurde, wegen der es später Auseinandersetzungen in der Internationale gab. Vor allem aber wird im fünften Punkt des Programms etwas erwähnt, das die meisten Menschen heutzutage nicht wissen. Für gewöhnlich macht man den Unterschied zwischen „Anarchisten“ und „Marxisten“ darin aus, dass die ersten den Staat sofort zerstören wollen, während die anderen eine Übergangsphase vor der ersten Phase des Kommunismus anstreben. Aus dem Punkt fünf wird ersichtlich, dass auch bei Bakunin (und den anderen Mitgliedern der Allianz) eine Übergangsphase, in der ein „reduzierter“ Staat (der „kein Staat im eigentlichen Sinne“ mehr ist) bestehen hätte sollen, wie ihn Marx und Engels für die Übergangsphase, die Diktatur des Proletariats, beschreiben. In diese Zeit fallen die despotischen Eingriffe in das Eigentumsrecht, also der Prozess der Sozialisierung, an dessen Ende die Klassenunterschiede verschwunden sind und die öffentliche Gewalt den politischen Charakter verliert – also der Staat abstirbt – und damit die Arbeiterklasse seine eigene Herrschaft als Klasse aufhebt (vergl. Kommunistisches Manifest) und die erste Phase des Kommunismus beginnt („Demgemäß erhält der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt“, Marx. Kritik des Gothaer Programms) und dann die höhere („nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“, Marx. Kritik des Gothaer Programms).
Zum Vergleich sollte man sich die Statuten der Internationale ansehen, zu deren Ergänzung das Allianzprogramm aufgestellt wurde. Die Unterschiede, wie sie Brupbacher im Text feststellt, lassen sich im Vergleich der Programme nachvollziehen. Die 1866 auf dem Genfer Kongress sanktionierten Statuten sind soweit ich das sehen kann nicht in den mlwerken online, allerdings die sehr ähnlichen provisorischen Statuten von 1864: www.mlwerke.de/me/me16/me16_014.htm

Nach diesem Exkurs nun aber das Kapitel:

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Damit war für Bakunin der Austritt aus der Liga gegeben. Er und seine Freunde traten aus und taten sich zusammen als Internationale Allianz der sozialen Demokratie. Sie konstiuierten sich als Zweig der Internationale und nahmen deren Statuten an. Diese Organisation war übrigens nicht plötzlich aus dem Nichts entstanden. Sie war nichts anderes als eine öffentliche Erscheinung der von Bakunin längst (1964) gegründeten geheimen „Fraternité internationale“.
Diese geheime Organisation war ursprünglich rein italienisch; erst später traten Polen, Franzosen und andere bei. Bakunin hatte von dieser geheimen Organisation Auftrag erhalten, auf den 1. Kongress der Liga für Frieden und Freiheit sich zu begeben und ihm ein politisches und soziales Programm vorzulegen, das den Ideen der Fraternité entsprach.
Unter den Mitgliedern der Fraternité sind zu nennen: Fanelli, Friscia, Talandier, Elie und Elisée Reclus, Rey, Malon, Naquet, Mroczkowski, Joukowski, Perron. Diese geheime Gesellschaft löste sich auch nach der Entstehung der öffentlichen Organisation, der Internationalen Allianz der sozialen Demokratie, nicht auf. Sie scheint übrigens einfach eine Vereinigung persönlicher Freunde gewesen zu sein, die zueinander Vertrauen hatten und über Dinge sprachen, die ihnen am Herzen lagen. Die Fraternitée löste sich jedoch im Januar 1869 auf, da Uneinigkeiten entstanden waren wegen des Verhaltens einer Anzahl Brüder, welche in Spanien für den bürgerlichen Radikalismus gearbeitet hatten. Bakunin insbesondere war darüber ungehalten.
Bakunin selbst hatte die Gründung der öffentlichen Internationalen Allianz der sozialen Demokratie nicht gewünscht. Er war dem Vorschlag zu ihrer Gründung entgegengetreten mit der Begründung, dass eine solche neue Internationale sich gewissermaßen in einer ganz unerwünschten Rivalität zur Internationale finden würde. Marx täuschte sich also sehr, wenn er Bakunin die Absicht zuschrieb, eine Konkurrenzgründung der Internationale gewollt zu haben, die seinen persönlichen Zwecken dienen sollte.
Das Programm der in Bern gegründeten Allianz lautet wie folgt:
„1. Die Allianz erklärt sich als atheistisch. Sie will die Abschaffung der Kulte, die Ersetzung des Glaubens durch die Wissenschaft, der göttlichen durch die menschliche Gerechtigkeit.
2. Sie will vor allem die politische, ökonomische und soziale Gleichmachung der Klassen und Individuen beider Geschlechter, indem sie beginnt mit der Abschaffung des Erbrechtes, damit künftig der Genuss eines jeden seiner Arbeit entspreche. Sie will ferner, entsprechend dem Beschluss des letzten Arbeiterkongresses in Brüssel, dass Grund und Boden, Arbeitsinstrumente, wie jedes andere Kapital, Kollektiveigentum der ganzen Gesellschaft werde und nur noch benützt werden könne durch die Arbeiter, d. h. durch die agrikolen und industriellen Genossenschaften.
3. Sie will für alle Kinder beider Geschlechter, von Geburt an, Gleichheit der Entwickelungsmittel, d. h. Unterhalt, Erziehung und Unterricht in allen Stufen der Wissenschaft, Industrie und Künste. Sie ist überzeugt, dass diese Gleichheit, die zuerst nur ökonomisch und sozial ist, nach und nach eine größere (natürliche) Gleichartigkeit der Individuen herbeiführen werde. Die scheinbaren Ungleichartigkeiten werden schwinden, da sie historische Produkte einer ebenso falschen als ungerechten sozialen Organisation seien.
4. Feind jedes Despotismus, anerkennt sie keine andere politische Form als die republikanische. Sie verwirft absolut jedes reaktionäre Bündnis und weist von sich jede politische Aktion, die nicht als unmittelbares und direktes Ziel hat den Triumph der Sache der Arbeiter gegen das Kapital.
5. Sie anerkennt, dass alle jetzigen politischen und autoritären Staaten, sich vorerst beschränkend auf einfache administrative Funktionen der öffentlichen Dienste, verschwinden sollen in der Union der freien agrikolen und industriellen Vereinigungen.
6. Weil die soziale Frage endgültige und wirkliche Lösung nur auf Grund der internationalen Solidarität der Arbeiter aller Länder finden kann, weist die Allianz jede Politik von sich, die auf sogenannten Patriotismus und Rivalität der Völker beruht.
7. Sie will die universelle Vereinigung von allen lokalen Vereinigungen durch die Freiheit.“
Was Marx an diesem Programm unsympathisch sein musste, war dessen Verhältnis zu der damals in Europa gegebenen Massenpsyche innerhalb der Arbeiterschaft. Aus dem Programm sprach ein Endziel, und Marx interessierte der Weg. Marx sagte sich, so und so ist die, aus ökonomischen Bedingungen gegebene, Psyche der Arbeiterschaft; den Kräften dieser Arbeiterschaft entsprechende Wege sind zu wählen, um sie in Bedingungen zu versetzen, die ihr erhöhte Kräfte geben. Die Arbeiterschaft ist in erster Linie zum Bewusstsein ihrer Kraft zu bringen durch Erweckung des Klassenbewusstseins; von da aus wird sich das weitere schon ergeben. Das Allianzprogramm setzte aber, nach Marxens Ansicht, das Ende an den Anfang; es hatte eine verkehrte Methode der Erziehung; und es störte durch diese Methode die Marxsche Erziehungsmethode. Es führte Momente in die Erziehung ein, die zwar die endgültige Entwicklung nicht verunmöglichen, aber doch verzögern würden. Denn aus dem Programm der Allianz ergab sich für einen jeden Augenblick die Aufgabe, das Mittel zu wählen, das all die seelischen Elemente anregte, deren Ende im Programm enthalten war. Marx aber wollte an einem Einzigen anknüpfen und das war der Trieb der Arbeiter zu einer Erhöhung ihrer materiellen Lebenslage. Alles andere würde adnn schon von selbst sich ergeben. Die beiden wollten auf verschiedene Weise erziehen. Bakunin schien nach dem Allianzprogramm erziehen zu wollen zum Unglauben an Gott, zur Abschaffung von Staat und Kapitalist, zur Bildung von agrikolen und industriellen Genossenschaften, die Staat und Kapitalisten ersetzen sollten. Gegen diese Endziele hätte Marx wohl nicht viel einzuwenden gehabt; aber dass man von diesen Endzielen sprach statt nur von Mitteln, von denen er glaubte, dass sie reif machen zu diesen Endzielen, darüber geriet er in Unruhe. Er fand, auf Grund von Ideen über das Endziel wäre es nicht möglich, die große Masse der Arbeiter zu organisieren; an den allgemeinsten Forderungen der Arbeiterschaft und weitester Schichten der Arbeiterschaft hätte man anzuknüpfen. Das Programm der Allianz sei aber nur imstande, eine kleine Gruppe, eine Sekte von Menschen um sich zu gruppieren. Marx wollte in erster Linie mit der gegebenen Psyche der Arbeiterschaft das bestehende ökonomische System bekämpfen; Bakunin schien sie nach dem Programm der Allianz der sozialen Demokratie unverhüllt und gradaus zur absoluten Freiheit, zur Vernichtung aller Widerstände und zur Bildung einer neuen Gesellschaft führen zu wollen.
Bis dahin war es zwischen Marx und Bakunin nicht zu einem größeren Zusammenstoß gekommen. Ihr gegensätzliches Wesen war nach außen so wenig sichtbar, dass wir einen der Freunde von Marx, der dessen Anschauungen in allen wesentlichen Punkten teilte und deshalb später zum grimmigsten Gegner Bakunins sich umwandelte, J. Ph. Becker, als Mitglied der öffentlichen Allianz finden. Becker war sogar, neben Bakunin, Mitglied des Zentralbureaus der Allianz und schrieb als solches an Marx um die Aufnahme der Allianz in die Internationale. Es war gewiss die Darstellung der seelischen Gegensätze von Bakunin und Marx notwendig, um dem Leser zum Verständnis zu bringen, dass Marx diese Aufnahme ablehnte, weil sie nach seiner Ansicht eine desorganisatorische Gefahr für die Internationale in sich schloss. Bakunin hatte gegen diese Entscheidung nichts einzuwenden, dagegen erzürnte sie den Becker sehr, der eben das tief Gegensätzliche der Bestrebungen von Marx und Bakunin noch nicht empfand. Der Generalrat, d. h. Marx, war dagegeben damit einverstanden, dass die Sektionen der Allianz als solche der Internationale beitraten, da dies nach den Statuten der Internationale sein musste. Die Allianz leistete dem Rat von Marx Folge und löste sich am 9. März 1869 als internationaler Körper auf. Es gab also fürderhin kein Zentralbureau der Allianz mehr, sondern nur noch Sektionen der Internationale mit dem Programm der Allianz. Die geheime Organisation (Fraternité Internationale) war schon im Januar 1869 aufgelöst worden, wie schon gesagt: aber einige der älteren Mitglieder behielten ihre intimen Beziehungen zueinander bei und machten neue Rekruten.
Die Genfer Sektion der Allianz der sozialen Demokratie, deren Präsident Bakunin war, wurde nach Einsendung der Statuten vom Generalrat einstimmig als Sektion der Internationale aufgenommen am 28. Juli 1869.