DEMONTAGE DES NEO-RASSISMUS

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diesen text von angelika magiros bekam ich vor vielen jahren vom iz3w # ich dachte, ich hau den hier nochma raus # teil 2 kommt dann morgen oder so # muss ich mir überlegen wies am schlausten ist, damit ihr regelmaessig aufs blog klickt

buecher von magiros

Foucaults Beitrag zur Rassismustheorie. Mit einem Essay von James W. Bernauer: Jenseits von Leben und Tod. Zu Foucaults Ethik nach Auschwitz; Hamburg: Argument Verlag 1995

Kritik der Identität „Bio-Macht“ und „Dialektik der Aufklärung“ – Werkzeuge gegen Fremdenabwehr und (Neo-)Rassismus; Unrast Verlag 2004

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Seit einiger Zeit sind anti-rassistische Gruppierungen ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit mit einer Art Modernisierung fremdenfeindlicher Ideologien konfrontiert: Immer häufiger trifft man auf rassistische Reden, die sich sozusagen auf den neuesten gesellschaftlichen Stand gebracht haben, ihren vormals zentralen Begriff der Rasse in den Hintergrund schieben und nun von der Kultur bzw. von der unaufhebbaren Differenz der Kulturen sprechen. Die rassismusanalytische Literatur hat dies als ‘Neo-Rassismus’, ‘Rassismus ohne Rassen’, ‘kulturalistischen’ oder ‘differentialistischen Rassismus’ definiert und von den alten, rein biologistischen Diskursen abgegrenzt.1 Im Rahmen unserer Reihe zu Rassismus und Rassismus-Theorien (iz3w 243-246, 249) soll die Vorstellung zweier sehr verschiedener Kritiken moderner Rationalität
als mögliche Werkzeuge für die Rassismustheorie – Foucaults ‘Bio-Macht’ und Horkheimer/Adornos ‘Dialektik der Aufklärung’–
zur Analyse und Demontage des Neo-Rassismus beitragen. Wir beginnen mit einer Überprüfung von Foucaults Thesen. Im nächsten Heft werden diese dann mit der Ideologiekritik von Horkheimer/Adorno zusammengeführt.

Demontage des Neo-Rassismus
Moderne und postmoderne Konzepte in der Rassismustheorie (Teil I)

von Angelika Magiros

Die Idee einer ‘Dialektik der Aufklärung’ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zählt bei aller schon zu verzeichnenden spätmodernen Vernunftskepsis noch zu einer Ideologiekritik, die sich auf so altbewährte Theorie-Elemente wie den Marxismus, die Psychoanalyse und die Erkenntniskritik stützt. Michel Foucaults These von der ‘Bio-Macht’ – obgleich immer noch an einer Kritik der gesellschaftlichen Totalität interessiert – ist hingegen bereits auf dem Boden von Poststrukturalismus und Diskursanalyse entstanden. Welchen Wert und welche Reichweite haben seine begrifflichen Instrumente bei der Bearbeitung des Neo-Rassismus, d.h. angesichts eines Objekts, das neben den alten biologistischen Elementen auch den neuen Kulturalismus enthält?

Die Bio-Macht

In Foucaults Schriften der 70er Jahre finden sich nicht wenige Passagen, in denen der Begriff Rassismus fällt – so etwa in einem Abschnitt aus dem »Willen zum Wissen«, in dem Foucault die tragende Rolle der eugenischen Wissenschaft bei der Identifizierung und Behandlung der sogenannten sexuell Perversen im 19. Jahrhundert beschreibt: »Sie gab vor, die physische Kraft und moralische Sauberkeit des gesellschaftlichen Körpers zu erhalten; sie versprach, die Träger der Schande, die Degenerierten und die entarteten Bevölkerungsteile auszumerzen. Im Namen einer dringenden biologischen und historischen Notwendigkeit rechtfertigte sie die drohend bevorstehenden Staatsrassismen. Sie begründete sie in ‘Wahrheit’.«2 An anderer Stelle, in einer 1976 gehaltenen Vorlesung, referiert Foucault die Logik des Krieges, der sich in der Moderne eine spezifische Begründung gibt: »Im Krieg wird es von nun an um zwei Dinge gehen: Nicht nur den politischen Gegner zu zerstören, sondern die gegnerische Rasse, diese Art von biologischer Gefahr, die diese auf der anderen Seite für die Rasse, die wir sind, darstellt. […] Aber mehr noch, der Krieg wird im 19. Jahrhundert – und das ist absolut neu – als eine Art und Weise erscheinen, nicht nur seine eigene Rasse zu stärken, indem man die gegnerische Rasse (gemäß den Themen der Selektion und des Lebenskampfes) ausschaltet, sondern ebenfalls als eine Art und Weise, seine eigene Rasse zu regenerieren. Je zahlreicher die unter uns sind, die sterben, desto reiner wird die Rasse sein, der wir angehören.«3 Offensichtlich kann man in Foucaults Augen von Rassismus sprechen, wenn die körperlichen Merkmale oder die biologische Konstitution von Individuen und ganzen Bevölkerungsgruppen (bzw. das, was man für eine solche Konstitution hält) als minderwertig und gefährlich bezeichnet und ihre Träger entsprechend herabgesetzt, bedroht und bekämpft werden.
Ein solcher Begriff von Rassismus ist in der Literatur und unserem anti-rassistischen Alltagsverstand durchaus üblich. In Foucaults Texten findet sich kaum Neues unmittelbar zum Thema, denn Rassismus ist für ihn nicht das eigentliche Objekt und Ziel seiner Kritik, sondern bildet lediglich eine Schleife innerhalb eines anderen, weiterreichenden theoretischen Projekts: der Beschreibung der allgemeinen modernen politischen Rationalität, die er Bio-Macht nennt.
Erst auf den zweiten Blick entpuppt sich diese etwas abseitige Position der Rassismus-Thematik in den Texten Foucaults als ein großer theoretischer Vorteil: Wenn die rassistischen Reden und Handlungen für ihn nur Teile eines größeren Zusammenhangs sind, wird man in seiner Darstellung weniger lesen können, worin sie sich von der sonstigen Politik unterscheiden, warum sie im Vergleich zur Moderne unmodern oder vormodern sind und wieso irrational im Vergleich zur üblichen Ratio – vielmehr werden die starken Verbindungen und Parallelitäten zwischen ihnen und dem Allgemeinen im Vordergrund stehen. Foucault rückt den Rassismus damit analytisch in die Mitte moderner Gesellschaften.
Charakteristik und Funktionsweise der modernen Bio-Macht lässt Foucault durch einen historischen Vergleich hervortreten, d.h. durch ihre Abgrenzung von derjenigen Machtform, die bis ins 18. Jahrhundert hinein die vorherrschende in Europa war. Diese vormoderne Form war eine ‘Macht, sterben zu machen’, denn sie beruhte auf dem geltenden Recht des Souveräns, sich mit Gewalt gegen seine Feinde zu wehren: Wenn er von außerhalb der Reichsgrenzen bedroht wurde, konnte er Krieg führen und sein Volk anweisen, sich für ihn der Gefahr des Todes auf dem Schlachtfeld auszusetzen – und wenn die Bedrohung von inneren Feinden ausging, von Ungehorsam und Gesetzesbruch, verhängte er im äußersten Fall die Todesstrafe. Diese negative, abschöpfende, auf dem Tod beruhende Machtform ist einer geschichtlichen Phase zuzuordnen, in der sich die Entwicklung der Produktivkräfte noch auf sehr niedrigem Niveau befand, in der es wenig gab und der Souverän auf die Kräfte der ‘einfachen Massen’ zugriff. Entscheidend war für den vormodernen Machthaber, dass seinen Befehlen Gehorsam geleistet, ihm ein ordentlicher Anteil der Produkte des Bodens geliefert und zur Not für ihn in den Krieg gezogen wurde – für eine weitergehende und feinere Kontrolle über das Leben seiner Untertanen fehlten ihm die Zeit und die Mittel.
Dies ändert sich im Lauf des 18. Jahrhunderts, nachdem die Seuchen und die großen Hungerkatastrophen in Europa weitgehend besiegt sind. »Der Tod hört auf, dem Leben ständig auf den Fersen zu sein« (Der Wille zum Wissen, S. 169), da zu dieser Zeit die Wissenschaften und die Techniken in der Ökonomie und der Medizin große Fortschritte machen, sich der Ertrag der Landwirtschaft erhöht, die Ressourcen für das Überleben der Menschen anwachsen und so die Bilanz zwischen Bevölkerungswachstum und der Steigerung der Produktivität immer positiver wird. In diesem Spielraum bildet sich, so kommt Foucault nun auf seinen zentralen Begriff, ein neues, gleichfalls produktives und positives Machtprinzip heraus, und dies ist jene Bio-Macht, deren Ziel – oder zumindest Effekt – darin besteht, das biologische, körperliche Leben der Menschen zu kontrollieren, zu regeln, zu verbessern und zu steigern.
Diese ‘Macht, leben zu machen’ ist aus Foucaults Perspektive selbstverständlich keine, deren positiver Charakter als Zuwachs politischer Freiheit zu verstehen wäre. Ganz im Gegenteil übt sie starke Zwangswirkungen aus. Doch während das vormoderne Machtprinzip der Souveränität – so Foucaults Analyse – darauf angewiesen war, sich zu zeigen und daher mit eindrücklichen Symbolen oder Zeremonien wie der öffentlichen Marter arbeitete, funktioniert die neue Bio-Macht lautlos, subtil, aber sehr effektiv; sie bedroht die Gesellschaftsmitglieder nicht mehr mit den blutigen Sanktionen des Gesetzes, sondern entfaltet Druck und Gewalt, indem sie alle an den Normen von Nützlichkeit und Gesundheit misst und auf diese trimmt.
Foucault beschreibt diese Herrschaftsprozeduren, die Arbeit der Bio-Macht, auf zwei Ebenen: Auf der Mikroebene – die der Individuen – machen sich disziplinierende Institutionen wie die Schule, die Armee, besonders aber das Gefängnis, die Klinik oder die Psychiatrie daran, die Körper der Einzelnen zu dressieren, damit sie ihre Kräfte geregelt und nützlich einsetzen und ihre Effektivität steigern können. Auf einer globaleren Ebene geht es darum, die biologischen Phänomene einer ganzen Bevölkerung im größeren, statistisch messbaren Maßstab zu kontrollieren und ihr Niveau durch staatliche Eingriffe wie Geburten-, Gesundheits-, Versicherungs- oder Bevölkerungspolitik im Sinn von mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit anzuheben. Die moderne politische Rationalität zeichnet sich, so kann man zusammenfassen, durch eine allgemeine Biologisierung und Medizinisierung aus.

Gefährlicher Humanismus

Tatsächlich sind in dieser durchbiologisierten Gesellschaft der Moderne alle Bestandteile der rassistischen Ideologie bereits angelegt: Dem biologistischen Rassismus dienen nicht irgendwelche Merkmale, sondern ganz spezifisch eine angebliche körperliche, biologische Güte bzw. Schwäche oder Gefährlichkeit zur Hierarchisierung der Menschen. So auch in der Gesellschaft allgemein, deren juridische Maßstäbe und Normen von Gesetz und Gehorsam sich ebenfalls in biologische oder bio-psychologische – in die von Gesundheit und Leistungsfähigkeit – gewandelt haben. Dieser moderne Rassismus begnügt sich nicht mit diesem Identifizieren und Einsortieren der Menschen, sondern behandelt sie auch entsprechend, wobei seine Aktionen insbesondere diejenigen treffen, die ihm als krank und gefährlich gelten. Genau dies kann man auch von der sonstigen Bio-Macht sagen, die gleichfalls unablässig arbeitet, Individuen und ganze Bevölkerungsgruppen trainiert und reguliert, kontrolliert, diszipliniert, therapiert und normalisiert, und die überdies ihre Aktivität bevorzugt auf jene richtet, die als anders, schwach, labil und pathologisch gelten. Der moderne Rassismus erhebt zudem den Anspruch, sich in wissenschaftlicher Wahrheit selbst zu begründen, wie es mit Blick auf den eugenischen Diskurs in Foucaults Eingangszitat hieß. Und auch dieses dritte und vielleicht deutlichste Kennzeichen lässt sich schließlich in der modernen Politik generell wiederfinden. Denn diese beginnt Foucault zufolge just in dem Moment, in dem die alte, für eine Souveränitätsmacht typische Berufung auf angestammte Rechte zugunsten einer neuen, rationaleren Herrschaftslegitimation fallengelassen und für das staatliche und institutionelle Handeln einfach die Anwendung der Humanwissenschaften – der Biologie, der Psychiatrie und Psychologie, der Bevölkerungswissenschaften und besonders der Medizin – reklamiert wird. Für Foucault sind die rassistischen Ideen und Praktiken also Teile im Getriebe der allgemeinen politischen Rationalität. Sie fügen sich sehr gut ein in das, was er als die übliche Politik moderner Gesellschaften beschreibt.
Dabei ist diese Bio-Macht für Foucault Ausdruck eines – für ihn unguten – humanistischen Utopismus, einer hektisch-gefährlichen Idee der befreiten Gesellschaft. Die biomächtige Menschentechnologie mitsamt ihren immensen Herrschaftswirkungen wird von dem Ideal einer rundum gesunden Gesellschaft getragen und erhält ihren eigentlichen Schub – und ihre Skrupellosigkeit im Konkreten – erst durch die legitimatorische Kraft dieses Zukunftstraums. Die vielbeschriebene Säkularisierung des modernen Zeitalters, so lautet seine These in diesem Zusammenhang, besteht weniger in einer tatsächlich gelungenen Freisetzung von den metaphysischen Idealen und Autoritäten, sondern vielmehr in dem Umstand, dass die Anweisungen und Versprechungen des Jenseits nur verdiesseitigt wurden und der Mensch sie fortan mit der Kraft seiner eigenen Rationalität erreichen will. Der Mensch, der alle seine Endlichkeiten und Unzulänglichkeiten losgeworden ist; der befreite, volle, mit sich identische Mensch: Dies ist – immer noch – das zwar chimärische, dafür jedoch umso drängender verfolgte Ziel, das nun mit den rationalen Mitteln der Wissenschaft und ihrer politischen Anwendung erreicht werden soll. So betrachtet ist die moderne humanistische Kultur eine einzige, groß angelegte Identitätspolitik.
In ihr spielen Biowissenschaften und Medizin eine große Rolle, denn sie bekämpfen die drückendsten aller menschlichen Endlichkeiten – Krankheit und Tod – und verfolgen den größten und schönsten aller Träume vom befreiten, identischen Menschen: die Gesundheit und vielleicht sogar die Unsterblichkeit. Die kritischen Analysen von Humanismus und Medizin, die Foucault in seinen frühen Schriften durchführt, können durchaus in seinen späteren, stärker politiktheoretisch orientierten Begriff der Bio-Macht übersetzt werden, und so sieht man schließlich – liest man auf diese Weise einmal quer durch Foucaults Werk –, dass es nicht nur eine rassismustheoretische Linie bereithält, d.h. nicht nur eine den Rassismus mit der Allgemeinheit verbindende Parallelität in ihm beschrieben wird, sondern gleich zwei: Einmal ist es das Hineinpassen des Rassismus in die Bio-Macht, hinzu kommt jedoch noch die Nähe der Bio-Macht zur anthropologischen Struktur der modernen Kultur, d.h. eben zu ihrer Sehnsucht nach dem vollen, mit sich identischen Menschen. Im theoretischen shortcut betrachtet, stellt Foucault die rassistischen Diskurse und Praktiken folglich als genuine – keinesfalls abseitige oder zufällige – Formen dar, in denen der wissenschaftlich gestützte Humanismus, dieser Stolz der Moderne, auftreten kann.
An dieser Stelle sieht man andererseits jedoch ebenso deutlich die funktionalen Grenzen der Thesen Foucaults, wenn es um den hier zu demontierenden Neo-Rassismus geht: Offensichtlich ist ihr theoretisches Verdienst, d.h. das provokante Parallelisieren von Rassismus, allgemeiner politischer Rationalität und ganz allgemeinem modernen Humanismus an die Voraussetzung gebunden, dass es sich bei ihrem Analyseobjekt um einen biologistischen Rassismus handelt. Wenn sich jedoch der Rassismus selbst, wie es neuerdings passiert, von der Biologie distanziert und nur noch von Kultur spricht, werden diese Ideen, so ist zu befürchten, theoretisch nicht mehr mitkommen.

Kultur ist…

Der Neo-Rassismus weist zwar verschiedene Varianten und Muster auf, einige Grundannahmen sind jedoch in fast allen seinen Ausformungen zu verzeichnen. Diese essentials des neuen rassistischen Diskurses verteilen sich wiederum auf zwei argumentative Felder: Zunächst grenzen sich die Neo-Rassisten von ihren Vorgängern, den biologistischen Ideologen, ab, indem sie diesen und besonders ihrem Rasse-Begriff vorwerfen, er sei veraltet, hierarchisch ausgerichtet und spreche immer noch von einer Hoch- und Minderwertigkeit der menschlichen Leistungen. Zudem sei der Gedanke der Rasse einengend und falsch, da er den Menschen vollkommen verkürzt als Produkt allein seiner biologischen Anlagen darstelle. Aus exakt diesen beiden Gründen sei der Begriff der Kultur – und mit ihm die Rede von den differenten Kulturen zur Bezeichnung der verschiedenen Menschengruppen – angemessener: ‘Kultur’ zu sagen bedeute, dass man die Gleichwertigkeit der Ethnien anerkenne und den Menschen als ein Wesen definiere, das mit seiner Gestaltungskraft weit über die Bedingungen seiner genetischen und somatischen Konstitution hinausgehe.
Trotz dieser ideologischen Lockerung bemüht sich der kulturalistische Rassismus dann aber um eine Begründung, warum die Individuen dennoch an ihre eigentliche, ursprüngliche Kultur gebunden seien: Gerade weil die Kulturen alle gleichwertig seien und ihren je spezifischen Beitrag zum Fortgang der menschlichen Entwicklung leisten, dürften sie sich nicht beliebig vermischen: In solchen Vermengungen würden die einzelnen Kulturen ihren Charakter verlieren und zu einer niveaulosen Einheitlichkeit verschmelzen, die mit einer Schwächung und Dekadenz der Menschheit insgesamt einhergehe. Außerdem und dementsprechend werde eine solche Abwehr der Vermischung, sozusagen ein Drang zum Erhalt der Differenz, auch durch die neuesten Erkenntnisse der Soziobiologie bestätigt, die am Menschen – analog zu anderen natürlichen Arten und Gattungen – einen aggressiven Trieb zum Schutz seiner Gruppe und zur Verteidigung ihrer Grenzen oder gar ihres Territoriums festgestellt habe.4
Auf der Ebene alltäglicher Politik und in aktuellen Diskussionen über Migration, Asylgesetzgebung und die Frage der Einwanderung findet sich die so aufwendig abgeleitete Ablehnung der Kulturvermischung sehr schnell in Segregations- und ‘Grenzen dicht’-Positionen wieder, sowie in der Entschuldigung oder gar Rechtfertigung fremdenfeindlicher Ressentiments und Gewalttätigkeiten innerhalb der sich als einheimisch, dazugehörig oder normal imaginierenden Bevölkerungsteile.5
Zwar weist das zweite Feld des modernisierten Diskurses einen unverminderten Bezug zur Biologie auf. Das ideologisch Neue jedoch spielt sich dort ab, wo sich die Sprecher mit dem Rekurs auf Kultur von der Rasse abwenden. Diese Auswechslung der Begriffe ist keineswegs ein bloßer Oberflächeneffekt: Wenn im neo-rassistischen Diskurs ‘Kultur’ gesagt wird, dann ist damit wirklich, strukturell und in der Tiefe der Begrifflichkeit etwas anderes gemeint als mit der ‘Rasse’ der alten biologistischen Rassisten.
Auf die Spur dieses tatsächlich anderen Sinns gelangt man durch die Frage, wie – durch die Darstellung welcher Merkmale im einzelnen – die differentialistischen Rassisten überhaupt die von ihnen so oft genannten kulturellen Einheiten beschreiben. Woraus etwa besteht in ihren Augen die deutsche Ethnie, was zum Beispiel hält die Mitglieder der europäischen Völker zusammen, und in welchen Kennzeichen gleichen sich eigentlich die Angehörigen der islamischen Kultur? So fragt man und findet: nichts.

…wenn man daran glaubt

Außer ein paar vagen Sätzen über ‘bestimmte Sitten, Gebräuche und Werte’, die angeblich von allen einer Kultur zuzurechnenden Individuen geteilt würden (aber merkwürdigerweise niemals näher ausgeführt sind), und einigen eleganter und wissenschaftlicher formulierten, jedoch ähnlich nichtssagenden Wendungen über die »Identität der ethologischen Regeln …, die über identische Transformationsprozesse strukturell (qualitativ und statistisch) identische Verhaltensweisen hervorbringt«, 6 lassen sich in den Diskursen der Neo-Rassisten keinerlei Antworten auf die konkreten Fragen nach der Kultur finden. Unterstrichen wird dieser Eindruck von dem vakuumartigen Charakter der kulturalistischen Rede noch durch markige Aussagen über den Wert der Differenz an sich – »Unterscheiden zu können, zwischen ‘Wir’ und ‘Die’, das macht ‘kulturelle Identität’ aus«, so schreibt der deutsche Neu-Rechte Marcus Bauer 7 – oder durch abstrakte Hinweise auf eine »spezifisch menschliche ‘Dimension’«, von der man nun – in Abgrenzung vom alten Biologismus – sprechen müsse und die »vor allem durch das Geschichtsbewußtsein gekennzeichnet [ist] und durch die Kultur, die dessen Produkt ist« (Benoist, a.a.O., 58f). Die beiden Definitionen sagen nichts anderes, als dass sich eine spezifische Kultur erst und nur durch das Unterscheiden und Spezifizieren dieser Kultur ergebe, bzw. dass sie sich nicht einmal durch die gemeinsame reale Geschichte einer Gruppe von Menschen, sondern, noch weit luftiger, durch das Bewusstsein einer solchen Geschichte bilde. So scheint der zentrale Begriff des Neo-Rassismus schnell geklärt: Kultur ist, wenn man daran glaubt.
Der kulturalistische Rassismus versteckt seinen Mangel an angebbarem Inhalt jedoch nicht als Manko, sondern trägt ihn als Plus vor sich her und stellt ihn in einen Zusammenhang mit der Kraft des menschlichen Bewusstseins, auf die man doch nur stolz sein könne: Kultur, so wird dann ganz offen propagiert, sei – selbstverständlich – nicht per se ‘da’, nicht als materielles Phänomen und unabhängiges Ding oder Essenz schon vorhanden und beschreibbar, sondern sie bilde sich, ganz recht, erst im Verhältnis zum Anderen und vor allen Dingen: erst in einem Akt, in einer Anstrengung des Willens, in einer artifiziellen, mindestens aber subjektiven Konstruktion. Der Kultur-Begriff des neo-rassistischen Diskurses hat sich in der Tat wirklich, strukturell und bis in die Tiefen seiner a priori-Modalitäten hinein weit von dem der Rasse entfernt, indem er – im Gegensatz zum schweren Biologismus, der mit seinen Selbstbegründungen in Wahrheit außerordentlich dick auftrug – leer, leicht und dünn geworden ist: An die Stelle des alten, kruden Objektivismus und seines Bezugs auf determinierende Kennzeichen und Essenzen lässt die neue Ideologie geradezu eine gegenteilige Rationalitätsform treten: ein Denken in Relationen und eine konstruktivistische Sicht.
An dieser Stelle wird schließlich offenbar, warum Foucaults Instrumente für die Analyse des kulturalistischen Rassismus allein nicht ausreichen: Relationale und konstruktivistische Denkweisen sind die tragenden Pfeiler einer typisch postmodernen Art, die Welt zu betrachten. Foucault aber war vollkommen auf die Kritik der Moderne konzentriert und hielt, als selbst Postmoderner, wohl zuviel vom Relationismus und Konstruktivismus – d.h. von ihrem theoretischen und politischen Potential gegen den dicken Objektivismus der Moderne mitsamt ihren Biologismen, Medizinismen und Rasse-Konzepten –, als dass er uns viel weiterhelfen könnte, wenn diese Positionen plötzlich auf der Seite des zu kritisierenden Objekts erscheinen. Mit anderen Worten: Für die Demontage eines postmodernen Rassismus ist ein postmodernes Werkzeug nicht das geeignetste. In Verbindung mit der »noch-modernen« kritischen Theorie Horkheimer/Adornos können Foucaults Thesen jedoch zur Anlayse des Neo-Rassismus fruchtbar gemacht werden (wie, das lesen Sie im nächsten Heft).

Anmerkungen:

1 Kleine Auswahl diesbzgl. wichtiger Texte: Martin Barker: »The New Racism. Conservatives and the Ideology of the Tribe«, London 1981; Pierre-André Taguieff: »Die Macht des Vorurteils. Der Rassismus und sein Double«, Hamburg 2000; Etienne Balibar: »Gibt es einen ‘Neo-Rassismus’?«, in: Das Argument, Heft 175 (1989), S. 369-380; sowie Das Argument, Sonderheft 195 (1992) mit dem Titel »Anti-Rassismus Methodendiskussion«.
2 M. Foucault: »Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1«, Frankfurt/Main 1983 (Erstveröffentlichung 1976), S. 70/71.
3 M. Foucault: »Leben machen und sterben lassen. Zur Genealogie des Rassismus«, in: Lettre International, Heft 20, Frühjahr 1993, S. 66.
4 Versatzstücke der neo-rassistischen Argumentation finden sich in vielen fremdenfeindlichen Alltags- oder Mediendiskursen; es sind jedoch die politischen und intellektuellen Gruppierungen der Neuen Rechten, die als eigentliche Träger des ausformulierten ideologischen Gebäudes – von ihnen selbst ‘Ethnopluralismus’ genannt – gelten können. Dazu: Hans-Gerd Jaschke: »Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder«, Opladen 1994; Mark Terkessidis: »Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte«, Köln 1995.
5 Insgesamt kann der Neo-Rassismus – weniger expansiv als abwehrend – als Reaktion auf die postkoloniale historische Situation mit ihrer Umkehrung der Migrationsrichtung verstanden werden, so wie er andererseits ein zugleich angstvoller und borniert-gewalttätiger Versuch ist, diese Situation zu steuern (s. Stuart Hall: »Rassismus als ideologischer Diskurs«, in: Das Argument, Heft 178 (1989), S. 913-921). Zum historischen Hintergrund neuerer Rassismen: Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS): »The Empire Strikes Back. Race and racism in 70s Britain«, London 1982.
6 So der Cheftheoretiker der französischen Neuen Rechten Alain de Benoist in seiner Schrift »Kulturrevolution von rechts: Gramsci und die Nouvelle Droite«, Krefeld 1985, S. 57.
7 Marcus Bauer: »Vielfalt gestalten«, in: Stefan Ulbrich (Hg.): »Multikultopia. Gedanken zur multikulturellen Gesellschaft«, Vilsbiburg 1991, S. 138.
Angelika Magiros ist Politologin und lebt in Marburg. Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den sie im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Jour-fixe-Initiative Berlin gehalten hat.

Demontage des Neo-Rassismus
Moderne und postmoderne Konzepte in der Rassismustheorie

(Teil 2)

Die Rede von der »Differenz der Kulturen« ist bezeichnend für den kulturalistischen Neo-Rassismus. Als post-modernisierte Variante fehlt ihm die Ideologie vom »Schwachen und Starken«, die noch den modernen biologistischen Rassismus ausmachte – damit aber bietet er einer dekonstruktivistischen Kritik kaum noch Angriffspunkte. Im letzten Heft (iz3w Nr. 250) wurde gezeigt, dass mit Foucaults – selbst ‘schon postmoderner’ – Theorie und seiner These von der Bio-Macht zwar die biologistische Ideologie, nicht aber die neo-rassistische Form der Abwehr des Fremden analysiert werden kann. Hingegen lässt sich letztere mit der ‘noch modernen’ Ideologiekritik Horkheimers und Adornos durchaus fassen. Es erweist sich schließlich, dass die verschiedenen rassistischen Diskurse als Spiegel der jeweils aktuellen Gesellschaftsformation – der modernen wie der postmodernen – gelten können.

von Angelika Magiros

Horkheimers und Adornos Perspektive auf den Rassismus scheint zunächst nicht viel für eine Analyse des kulturalistischen Rassismus herzugeben, denn auch sie konzentriert sich – ähnlich der Foucaults – auf dessen biologistische, mit ‘Rasse’ operierende Formen. Die Rassismus-Analysen der beiden Theoretiker entstanden schließlich zu einem großen Teil unter dem Eindruck der – auf den Begriff der Rasse geradezu fixierten – antisemitischen und rassistischen Politik des deutschen Nationalsozialismus. So versuchen Horkheimer und Adorno in dem Kapitel »Elemente des Antisemitismus« ihrer berühmten Schrift »Dialektik der Aufklärung«1 eine Gesamtschau der gesellschaftlichen und psychischen Mechanismen, die in der Rasseideologie wirken und in der Verfolgung und Ermordung der Juden ihren krassesten Ausdruck fanden.
Aber auch in Passagen der »Dialektik der Aufklärung«, in denen nicht der so offensichtlich biologistische Rassismus Nazi-Deutschlands, sondern ganz andere, in der Geschichte der Moderne weiter zurückliegende Beispiele thematisiert werden, beschreiben die Kritischen Theoretiker bevorzugt ideologische Diskurse, die mit den ‘Gesetzen des Körpers’, der ‘Natur’ und der ‘Biologie’ argumentieren. So zitieren sie etwa Nietzsche: »‘Die Krankhaften sind des Menschen große Gefahr: nicht die Bösen, nicht die ‘Raubtiere’. Die von vornherein Verunglückten, Niedergeworfenen, Zerbrochenen – sie sind es, die Schwachen sind es, welche am meisten das Leben unter Menschen unterminieren, welche unser Vertrauen zum Leben, zu Menschen, zu uns, am gefährlichsten vergiften und in Frage stellen.’«2

Biologismus als bereits ‘dünne’ Ideologie

Doch so interessant Horkheimers und Adornos Blick auf Äußerungen wie diese an sich sein mag – schließlich enthalten sie, wenn man sie ein wenig ‘Bio-Macht-technischer’ liest, schon alle zentralen ideologischen Bausteine des biologistischen Diskurses, wie ihn auch Foucault beschreibt –, so wird er doch für eine Analyse des Neo-Rassismus, der von den verschiedenen Kulturen statt von Rasse spricht, erst dann fruchtbar, wenn man den ganz spezifischen Zusammenhang sieht, in den die Kritischen Theoretiker diese Weltsicht à la Nietzsche stellen: Sie schildern sie als Reaktion auf, bewusste Nachfolge von, oder sogar als Kritik an ihrem diskursiven Vorgänger – als Gegenschlag auf jene Vorstellungen also, die aus den religiösen oder geistigen Werten, aus der Vernunft oder aus der göttlichen Ordnung eine gesellschaftliche Moral ableiten wollten. Wenn Nietzsche eine solche Moral als eine überladene, sich in übermateriellen Wahrheiten begründende, dabei aber das eigentliche, nackte Raubtierleben der Menschen eingrenzende und erstickende Vorstellung geißelt und sich selbst dagegen als Vertreter des Wirklichen, Irdischen und Realen aufspielt, dann – so die Frankfurter Philosophen – muss man Nietzsches Selbstbild vom zynischen Anti-Moralisten zustimmen: In der Tat wirkt seine Rede bilderarm, dünn, schlank und sehr am Tatsächlichen orientiert. Für Nietzsche, für den die »objektive Ordnung der Natur als Vorurteil und Mythos sich erledigt hat, bleibt Natur als Masse von Materie übrig«.3
Doch sind solche Wendungen – »Objektivität hat sich erledigt«, seines mythischen Gehalts beraubt »bleibt etwas übrig« – nicht eben die Namen, mit denen gerade der Neo-Rassismus, die kulturalistische Ideologie treffend beschrieben werden konnte? Der Biologismus, der bei Foucault und vor allem im Vergleich zum kulturalistischen Folgediskurs noch so dick und objektivistisch erscheint, wird in der »Dialektik der Aufklärung« als – im Vergleich zu Religion und Metaphysik – bereits verdünnisierte Ideologie beschrieben!
Ein Beispiel aus den »Elementen des Antisemitismus« kann diese Beobachtung noch unterstreichen. Hier ziehen Horkheimer und Adorno einen direkten Vergleich zwischen einerseits religiös-moralistisch und andererseits biologistisch motiviertem Hass auf das Andere und Fremde, konkreter: zwischen christlichen Antijudaisten auf der einen Seite und nazistischen Rassisten auf der anderen. Letztere merken, »… dass die Menschen der Sorge ums ewige Heil längst entsagt haben. Der durchschnittliche Gläubige ist heute schon so schlau wie früher bloß ein Kardinal. Den Juden vorzuwerfen, sie seien verstockte Ungläubige, bringt keine Masse mehr in Bewegung.« Folglich, so die Kritischen Theoretiker weiter, grenzt sich dieser moderne Antisemitismus von der Religion ab und beruft sich fortan auf die Rasse. Jedoch ist der »fanatische Glaube, dessen Führer und Gefolgschaft sich rühmen, … kein anderer als der verbissene, der früher die Verzweifelten bei der Stange hielt, nur sein Inhalt ist abhanden gekommen. Von diesem lebt einzig noch der Hass gegen die, welche den Glauben nicht teilen.«4 Eine Ideologie mit ‘abhanden gekommenem Inhalt’, die jedoch keineswegs ihren aggressiven, reaktionären Charakter verloren hat: Auch hier wird, was für den kulturalistischen Rassismus gilt, bereits als das bezeichnende Merkmal des biologistischen Diskurses geschildert.
Dieser Merkwürdigkeit gilt es nachzugehen, indem man sich – wie schon auf den Spuren von Foucaults Rassismusanalyse (s. iz3w Nr. 250) – eine Idee vom größeren Kritikprojekt verschafft, in das die Analyse jeweils eingebettet ist: Wie lautet Horkheimers und Adornos generelle These von der Dialektik der Aufklärung, wie stellen sie die allgemeine moderne Rationalität, wie die moderne Gesellschaft insgesamt dar?

Dialektik der Aufklärung

Da die beiden Philosophen den Begriff der Aufklärung in das Zentrum ihrer Thesen stellen, liegt es nahe zu vermuten, in ihren Augen sei das Hauptkennzeichen der modernen Gesellschaft – im Unterschied zu ihren historischen Vorgängerinnen und deren Irrationalismus – wohl darin zu sehen, dass sie eben rational und aufgeklärt sei. An dieser Stelle greift jedoch der erste Aspekt der Dialektik, unter deren methodischem Dach die Frankfurter Theoretiker ihre Kritik ansiedeln: Zwar ist das moderne Zeitalter, so führen sie aus, tatsächlich das aufgeklärteste. Das Prinzip der Aufklärung aber existiert bereits seit dem Nullpunkt der Menschheitsgeschichte, d.h. schon seit jenem virtuellen Augenblick, in dem der Mensch sich aus seiner animalischen, reflexions- und bruchlosen Einheit mit der Natur löste.
Jedoch – und dies ist der zweite Aspekt der von Horkheimer und Adorno beschriebenen Dialektik – trägt nicht nur die Datierung des Prinzips Aufklärung, sondern auch ihr Wert ein Doppelgesicht: Wenn der Mensch seit seinem ersten reflexiven Schritt die Natur Stück für Stück besser in den Griff bekommt und mit ihr umzugehen lernt, dann bedeutet das ohne Zweifel einen Zuwachs seiner Freiheit. ‘In den Griff bekommen’ heißt jedoch auch ‘beherrschen’, und auf der Kehrseite des ‘Umgangs mit der Natur’ steht ‘mit ihr nach eigenem Interesse verfahren’. Aufklärung im positiven Sinn von Unabhängigkeit ist absolut nicht zu trennen von ihrer negativen Seite: der Herrschaft.
Der in unserem Zusammenhang wichtigste Gedanke findet sich aber in der Beschreibung eines dritten dialektischen Verhältnisses, das die Aufklärung durchzieht. Diese ging, so Horkheimers und Adornos These, trotz ihres Ursprungs als Instrument des Überlebens immer schon über das bloße Wissen, wie man etwas macht, hinaus und vermittelte gleichzeitig eine Idee davon, warum man es tut. Parallel zu ihrer fortschreitenden Aufklärung – sprich: zu ihrer Herrschaftsausübung – entwickelten die Menschen Vorstellungen, Ideen, Wahrheiten über die Natur und über ihre Beziehungen untereinander. Diese Vorstellungen wirkten – gerade weil sie sich von einem reinen Wie-Wissen, von der bloßen Instrumentalität, unterschieden – auf spezifische Weise herrschaftssichernd und legitimierend. Man behauptete mit ihrer Hilfe, dass die Unterdrückung eigentlich keine sei, da sie in Wahrheit gründe, da sie dem Wesen und dem Sinn der Natur und der Menschen entspreche und damit eine Notwendigkeit darstelle. Herrschaft wurde verpackt in erkenntnisträchtige Worte und erklärende Bilder, in Religionen, Mythologien, Metaphysiken, Kunst und Philosophie – kurz: sie wurde objektiviert. Auf diese Objektivierungen richtet die Kritische Theorie ihr besonderes Augenmerk, denn die rechtfertigenden Verpackungen hatten nicht nur herrschaftsstärkende und legitimierende Funktionen, sondern brachten andererseits die Herrschaft regelmäßig zu Fall: Historisch betrachtet, so die dialektische Ideologietheorie, waren es immer diese festen, wahren Behauptungen über Wesen und Sinn von Mensch und Welt, die zum Angriffspunkt aufklärender Kritik wurden. ‘Das soll Wahrheit sein? Nein, das ist Lüge, hinter der nichts anderes steckt als das Interesse der Mächtigen!’ Mit ungefähr diesem Satz begann noch jede revolutionäre Bewegung in der Geschichte der menschlichen Gesellschaften, noch jede aufklärende Absicht hat hinter dem mythisch Wahren die Herrschaft zu entlarven versucht – bis die Kritik selbst siegte, wiederum zu herrschen und zu unterdrücken begann, entsprechend neue wahre Systeme und Ideologien aufrichtete und das Spiel von vorn begann. In diesem Sinn lässt sich sagen, dass die Existenz der Objektivierungen – so herrschaftsträchtig diese immer waren – in den Augen der Frankfurter Theoretiker einen Antrieb und Ansatzpunkt für den Fortgang der Aufklärung und den sukzessiven Fortschritt der Gesellschaften bildete.
Doch ist – so lautet Horkheimers und Adornos Hauptthese – in den modernen Gesellschaften diese Dialektik von Wie und Warum zerbrochen: Die Moderne hat in ihren Augen so gründlich alle Religionen, Philosophien, allgemeinen Theorien und Sinnzusammenhänge, alle Metaphysiken und geistigen Systeme beiseite geschoben und als faulen, überholten, irrationalen Zauber denunziert, dass mit den mythischen Antworten (um die es nicht schade ist) nun auch die Fragen nach der Wahrheit restlos verschwunden sind. Wohlgemerkt, es ist nicht die Herrschaft selbst, die die moderne Kultur durch die vollständige Entmythologisierung abgeschafft hat, sondern nur deren Legitimation. Und genau dies macht aus der Perspektive der Kritischen Theorie die Starre der modernen Ära aus: Arbeit für die Kritik gäbe es mehr denn je, nur hat sie mit dem Verschwinden der rechtfertigenden Verpackungen ihren historischen Angriffspunkt eingebüßt. Der Objektivierungsmangel moderner Gesellschaften lässt die altbewährten Hebel der Kritik ins Leere fassen und macht die Herrschaft fast unangreifbar. So ist sie zwar die am wenigsten mythologische, jedoch zugleich die statischste, die mit den stabilsten Machtstrukturen.
Es lässt sich eine vierte dialektische Wendung in den Thesen der Kritischen Theoretiker finden. Man sollte sich nicht, so die »Dialektik der Aufklärung«, von der realitätsorientierten, pragmatistischen, zynischen Aura der Moderne in die Irre führen lassen, denn diese Kälte macht nur das eine Moment ihres Bilderverbots aus. Das andere aber ist Angst: Angst vor der Welt, d.h. vor der vielleicht nicht ganz zu beherrschenden Natur, vor den Objekten – Menschen und Dingen –, die nicht völlig in die Hand zu bekommen sind. Folgt man Horkheimer und Adorno, so waren die vergangenen Mythen und Verpackungen, die Religionen, Morallehren und Philosophien zwar ebenso weltängstliche Veranstaltungen, in denen man eine absolute Wahrheit über die Dinge zu wissen behauptete, um sich einbilden zu können, man habe sie durchschaut und im Griff. Jedoch – indem sie Mythen und Metaphysiken bauten, schufen sie neue, diesmal sprachliche Objekte; mit ihren Sinnsystemen produzierten sie eine neue Welt, die ebenfalls zu einem ‘Eigenleben’ tendierte und nicht vollständig zu beherrschen war. Die modernen Gesellschaften dagegen schließen diesen letzten Spalt, zumindest versuchen sie es: »Aufklärung ist die radikal gewordene, mythische Angst. Die reine Immanenz des Positivismus, ihr letztes Produkt, ist nichts anderes als ein gleichsam universales Tabu. Es darf überhaupt nichts mehr draußen sein, weil die bloße Vorstellung des Draußen die eigentliche Quelle der Angst ist.«5 Ist die Lücke zwischen Ideologie und Wirklichkeit völlig geschlossen, sind diese also ‘immanent’, deckungsgleich geworden – wie in der modernen Kultur –, dann ist von einer überaus großen Angst vor der unkontrollierbaren Welt auszugehen.
In Bezug auf die Frage des Rassismus ist eben dieser weitläufige Blick auf die allgemeine moderne Rationalität und seine Gesellschaft unverzichtbar. So wie Foucault die Bio-Macht als Kern, als deutlichsten Ausdruck der ganzen modernen Gesellschaft bezeichnet, so sehen auch Horkheimer und Adorno den Biologismus mitsamt seiner Anti-Moral als Zentrum der positivistischen modernen Ratio insgesamt: Das Parallelenziehen zwischen Rassismus und allgemeiner Moderne haben beide Theorien offensichtlich gemeinsam.
Nach wie vor jedoch sehen Horkheimer und Adorno im modernen biologistischen Rassismus nicht diese sich in dick-ideologische Begründungen von wissenschaftlich erkennbarer Wahrheit hüllende Rede, von der Foucault spricht, sondern eine, die sich bereits als ent-objektiviert, nicht mehr begründend, dünn und zynisch-nackt erweist. Nun muss man sich nicht entscheiden, welche der beiden Einschätzungen des Biologismus wohl die ‘richtige’ ist – wichtig ist vielmehr, dass nur Horkheimers und Adornos Verdünnisierungsthese auf den neuen, kulturalistischen Rassismus übertragbar und auch für dessen Analyse zu nutzen ist.

Neo-Rassismus: noch mehr Immanenz

Je dünner die Ideologie ist, desto weniger Ansatzpunkte bietet sie für die Hebel der Kritik – so lautet der Grundtenor der Diskurstheorie Horkheimers und Adornos und er trifft bereits auf den modernen Biologismus zu: Während in metaphysischen Zeiten dem als fremd definierten Menschen noch höchst bilderreiche Kennzeichen angeheftet worden waren – man denke hier etwa an die uralten Gerüchte über ‘Teuflische, die das Blut der Gläubigen trinken’ oder über ‘Personen, die nachts auf Besen fliegen’ –, schmolz Nietzsche alle den Fremden nachgesagten negativen Merkmale auf eine einzige Eigenschaft ein: ‘Im Gegensatz zu den Starken, Gesunden und Herrschenden sind sie schwach, krank und unterworfen.’ Mit diesem – auf nur einen Satz beschränkten – Glauben ließ er jedoch auch nur eine Möglichkeit übrig, das ideologische Fremdenbild in der Realität Lügen zu strafen: den Nachweis, dass die so Abgewerteten sehr wohl stark waren und zwar stark in Nietzsches Sinn, d.h. gesund und biologisch leistungsfähig. Natürlich ließen die unterdrückten und ausgegrenzten Gruppen diese einzige Gelegenheit nicht verstreichen; in fast allen subkulturellen Gruppierungen der Moderne wurde dieser Weg der Betonung eigener Schönheit, Kraft und Stärke gegangen, indem etwa dem rassistischen Spruch vom ‘degenerierten Schwarzen’ der Slogan ‘black is beautiful’, dem Bild vom ‘schwachen, ewig kränkelnden Weib’ das der ‘Powerfrau’ und der Rede von den ‘verwahrlosten, gefährlichen Klassen’ die vom ‘starken Arm des Arbeiters’ entgegengesetzt wurde. Immer wieder stellte man jedoch fest, dass man mit dieser – widerlegenden – diskursiven Strategie auf die bestimmte Position des Stärkebeweises gedrängt worden und nun auf sie festgelegt war. Man ließ sich die Sprache des Kampfes, die der Kraft und Gesundheit, im Grunde vom Gegner diktieren. Eine solche Kritik konnte – bei allem Erfolg im Einzelnen – nicht anders als ebenso reduziert sein wie das ideologische Bild vom Fremden, das Nietzsche und der moderne Biologismus überhaupt noch ‘übrig gelassen’ hatten.
Diese Analyse lässt sich nun auf den postmodernen Rassismus übertragen und fortführen: Die neo-rassistische Ideologie führt kein einziges inhaltliches Merkmal der Kulturen mehr an, sondern lässt deren Kennzeichen in einem Verhältnis aufgehen. ‘Wir’ ist für den Neo-Rassismus nichts anderes als Nicht-Die, so wie ‘Die’ nichts anderes als Nicht-Wir bezeichnet. Nach wie vor gibt es im neuen rassistischen Diskurs ‘den Fremden’, doch anders als der biologistische Rassismus – der in dieser Hinsicht zumindest noch ein einziges Wort verlor – sagt er überhaupt nichts mehr über ihn aus. Mit diesem völligen Verzicht auf dingliche, handfeste Fremdenbilder scheint gar das rein relationale Denken Einzug in den Neo-Rassismus zu halten, d.h. jenes Denken, das keine Eigenschaften und Substanzen festhält, sondern allein die Beziehung auf Anderes zur Grundlage jeder Definition macht. Doch kann man sich keine Hoffnungen machen, dass er dadurch weniger starr wird, im Gegenteil: Wenn der kulturalistische Rassismus keinerlei Aussage über die von ihm postulierte Fremdheit des Fremden mehr in die Welt entlässt, so verengt das den anti-ideologischen Spielraum ungemein; es bleiben für die auf solch ungreifbare Art als fremd Identifizierten noch weniger anzugreifende Kriterien übrig. So versucht der Neo-Rassismus mit seiner Inhaltslosigkeit den von seiner Ideologie Betroffenen das Geschäft der Definition – wer wann fremd und unter welchen Umständen dazugehörig ist – vollständig zu entwinden. Die Macht der Definition soll völlig auf der Seite des Wir-Kollektivs sein.
Der neue kulturalistische Diskurs lässt sich also als weitere Drehung der Immanenz-Spirale betrachten. Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man noch ein zweites Mal mit der Hilfe von Horkheimer und Adorno vom Biologismus auf den Neo-Rassismus schließt. Den anti-ideologischen Bewegungen fiel es schwer, das einzige moderne rassistische Bild von der ‘Schwäche und mangelnden Lebenskraft’ der Fremden zu widerlegen. Doch die Schwierigkeit des Gegenbeweises war auch auf den Umstand zurückzuführen, dass – so kann man die Kritische Theorie verstehen – diese Schwäche durchaus real war. Dass der Fremde in einer Gesellschaft, die Fremde unterwarf und schwächte, unterworfen und schwach wirkte, war nicht nur Lüge, sondern entsprach der täglichen Erfahrung. Der Biologismus brachte sich durch dieses Geschick, keine mythischen, übermateriellen Wahrheiten mehr über die Fremden zu verbreiten, sondern nur noch die überaus irdische ihrer wirklichen Schwäche, in einen »Vorzug der Tatsächlichkeit«:6 Indem er einfach die gesellschaftliche Realität zur Ideologie erhob, konnte er der anti-ideologischen Kritik ihr bis dato ‘ureigenes’ Argument entwinden und nun diese als Produkt der bloßen Phantasie verhöhnen.
Doch immerhin: Der Biologismus hatte auf diese Weise die rassistischen Wahrheiten über die Fremden vom Himmel heruntergeholt und zu angeblichen Gesetzen des Lebens umformuliert, jedoch verzichtete er damit nicht gänzlich auf seinen Objektivitätsanspruch. Die anti-ideologischen Bewegungen konnten gegen diesen zwar nicht mehr den widerlegenden Verweis auf die Wirklichkeit wenden, aber doch den dekonstruierenden auf die Geschichte. ‘Es mag wirklich sein,’ – so lautete die typische kritische Antwort auf Nietzsche und den Biologismus – ‘dass die Schwachen schwach sind und die Starken stark, doch es ist nur der Fall, weil die Starken es so eingerichtet haben, weil diese Wirklichkeit geschaffen wurde! Was objektiv wahr erscheint, ist nicht wahr, sondern wurde wahr gemacht.’ Die ewigen Gesetze des Lebens entpuppten sich in dieser Kritik als endliche, geschichtliche Einrichtungen, die aus subjektivem Interesse – dem der Herrschaft – etabliert wurden. In der biologistischen Immanenz, so lässt sich formulieren, war der Spalt zwischen der Ideologie und der Wirklichkeit zwar zu eng für den Eingriff einer realistischen anti-rassistischen Argumentation geworden, jedoch war er noch nicht eng genug für die historisierende Kritik.
Doch nun im Vergleich der postmoderne Neo-Rassismus: Er definiert seine zentrale Kategorie, die Kultur, geradezu konstruktivistisch nicht als objektives Etwas, sondern als ‘Produkt des Geschichtsbewusstseins und als Effekt des ‘Unterscheidenkönnens’. Diese neue Sicht legt der kulturalistisch-rassistische Diskurs stolz als Indiz für seine Loslösung vom alten biologistischen Lager vor. Anders als sein diskursiver Vorgänger behauptet er überhaupt nichts Objektives mehr über die eigene oder fremde Kultur, das von einer historisierenden Dekonstruktion angezweifelt werden könnte und verweist – sozusagen vorauseilend – selbst auf den subjektiven und gemachten Charakter seiner Ideologie: ‘Sicher, die Kultur ist immer produziert und konstruiert’, so spricht er, ‘aber darin genau liegt doch ihr Wert und ihre Wahrheit.’ Der Neo-Rassismus kann exakt den zentralen Satz jener kritischen Vergeschichtlichung – alles angeblich Allgemeine sei eine subjektive historische Konstruktion aus partikularem Interesse – gegen seine Widersacher wenden. Der ‘Vorzug der Tatsächlichkeit’ hat sich zu einem ‘Vorzug der offenen Subjektivität’ gewandelt. Doch darf man das Offene hier nicht wörtlich verstehen, denn der Effekt dieser Wandlung ist, im Gegenteil, eine perfektionierte Immanenz: Der postmoderne Neo-Rassismus holt seine Wahrheiten aus dem ‘Draußen’ noch weiter herein, so weit, dass sie mit ihrem subjektiven Charakter identisch geworden sind – und so wird der Spalt zwischen Ideologie und Wirklichkeit, d.h. die Lücke zwischen den neo-rassistischen Behauptungen über die Kulturen und der Tatsache, dass diese Kulturen nur behauptet sind, sehr klein. Jetzt kann sich nicht einmal mehr das historische Argument dazwischen klemmen.
Alles in allem sieht es so aus, als wirkten tatsächlich in der Tiefe des Neo-Rassismus die Strukturen unserer gesamten Epoche, unserer ganzen postmodernen Gesellschaft. Das Typische der Postmoderne, ihre Konzentration auf Verhältnisse und Relationen, ihr Verzicht auf essenzialistische Beschreibungen, ihre Subjektivität, ihr Konstruktivismus und der immer zugegebene künstliche Charakter ihrer Werte – alle diese Elemente können offensichtlich sowohl für eine kritische Rationalität, wie Foucault sie vertrat, als auch für repressive Ideologien eingesetzt werden, je nachdem, ob das Denken dem Draußen mit mehr Gelassenheit und Respekt begegnen möchte oder ob es nach einem herrschaftlich-ängstlichen Weg sucht, es zu ignorieren oder abzuschaffen. So betrachtet kann man mit einem Rückgriff auf Horkheimer und Adorno gerade Foucaults Projekte in die Analyse der Postmoderne hinüberretten – nicht nur seine provokante Methode, den Rassismus theoretisch mitten ins Herz der jeweils aktuellen Gesellschaftsformation zu pflanzen, sondern auch seine Warnung vor Immanenzen und vollen, großbuchstabierten Identitäten aller Art.

Anmerkungen:

1 Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: »Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente«, Frankfurt/Main 1971 (Erstveröffentlichung 1947). Ich beziehe mich hier nur auf diese Schrift, da in ihr die theoretische Verbindung zwischen der Analyse des Rassismus und der Kritik der Aufklärung am deutlichsten ist.
2 Friedrich Wilhelm Nietzsche: »Genealogie der Moral« (Erstveröffentlichung 1887), in: »Werke« (Kröner), Band VII, S. 433, zit. nach: Horkheimer/Adorno, a.a.O., S. 90.
3 Horkheimer/Adorno, a.a.O., S. 89/90.
4 Beide Zitate: Ebd., S. 158.
5 Ebd., S. 18.
6 Ebd., S. 90.
Angelika Magiros ist Politologin und lebt in Marburg. Der Beitrag erscheint demnächst in ungekürzter Fassung in dem von der Jour-fixe-Initiative in Berlin herausgegebenen Band »Wie wird man fremd?«