In the Ghetto (1999)

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Chicago. Mein Hotel liegt an der Harrison-Street, dort, wo Chicagos Downtown in die sogenannten no-go-areas des 10. bis 12. Distrikts übergeht. Normalerweise steigen europäische Journalisten woanders ab. Der Laden ist heruntergekommen, überhitzt und stickig. Im Zimmer mit Blick auf die backstreets mit ihren Müllhalden und bizarren Feuerleitern wimmelt es von Kakerlaken. Es ist Nacht. Das Leben auf den Straßen kommt langsam zur Ruhe. Zeit, ein Taxi zu finden für die Fahrt in die Nachbarschaft, nach 100 South Racine zum Polizeirevier des 12. Distrikts.
Ein erster Versuch. Der Taxifahrer, ein Sikh, komplimentiert seinen Gast postwendend wieder aus dem Cab hinaus, als er hört, wohin die Reise gehen soll. Der zweite sagt, das Gebiet sei rough, rauh, aber wenigstens fährt er hin. Auf dem Revier hört sich alles schon anders an. Der Leiter, eine eher schwerfällige Gestalt, lobt die schöne und ruhige Arbeit, und das, obwohl die Zimmer mit den Schwedischen Gardinen neben der Garage vollbelegt sind. Vielleicht aber haben sich die Wogen mittlerweile tatsächlich geglättet. Sein Vorgänger hat soeben eine schwere Zeit hinter sich gebracht. In einem polizeiinternen Papier kritisierte er die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Latinos in seinem Distrikt. Er schrieb von der auffälligen Neigung lateinamerikanischer Machos, zu trinken und ihre Frauen schlagen. Vermutlich wären diese für das weiße Amerika vergleichsweise harmlosen rassistischen Äußerungen in anderen amerikanischen Städten wie New York, wo man gegen sogenannte Randgruppen und Minderheiten die harte Linie fährt, problemlos durchgegangen. In Chicago genügten sie der Polizeiführung, um einzuschreiten. Der Revierchef wurde postwendend gefeuert. Der Vorfall war ein Fanal. Er sollte zeigen: In Chicagos Polizei sollen künftig die Uhren anders gehen als anderswo in Amerika.
Larry, der Police Officer, ist ein alter Hase. Er freut sich über den Besucher aus Deutschland und über die Abwechslung, die er verheißt. Wenn Larry in der Nacht durchs Viertel Streife fährt, tut er dies gewöhnlich allein. Er sagt, er habe schon in feineren Gegenden Dienst geschoben. Aber er ist gern hier, im Stadtteil Pilsen mit seinen kleinen Häuschen, die die Erinnerung an böhmische Dörfer wachrufen und wo man ständig (allerdings vergeblich) darauf wartet, dass eine Entenmutter aus einem Hoftor herausspaziert und mit ihren Küken die Straße quert. Larry fährt die spärlich beleuchteten Backstreets ab, kontrolliert Unterführungen und Bahndämme, und irgendwo taucht auch ein kleines Hafenbecken auf. Hier checkt er mit dem Handscheinwerfer ein soeben von der Polizei geschlossenes und vernageltes crack house, dort erklärt er die Bedeutung der Graffiti an Bretterzäunen und Garagenwänden. Und da begegnet ihm ein >>informeller Mitarbeiter< <. Es ist der Laienprediger einer von Latinos frequentierten Sekte.
Heute wohnen im Distrikt fast nur Latinos und Schwarze und die berühmtesten Jugendbanden Chicagos. Nein, er hätte keine Bedenken, hier zu wohnen. Wer auf den großen Straßen bleibe, brauche auch in der Nacht um seine Sicherheit nicht zu fürchten. Ein buntes Treiben herrscht hier, und neuerdings gibt es sogar einen riesigen Aldi-Supermarkt. Plötzlich wird Larry zu einer Schießerei gerufen. Das Opfer, einen jungen Kerl, hat ein Projektil am Oberarm erwischt. Ein Krankenwagen prescht herbei, ein paar Streifenbeamte sind schon eingetroffen. Aber die ersten Vernehmungen am Ort des Geschehens laufen ins Leere. Der Jugendliche und die Umstehenden können sich partout nicht erinnern, wie es zu dem Malheur gekommen ist.
Die Cops bringt der sonderbare Gedächtnisschwund der Beteiligten nicht sonderlich aus der Ruhe. Und ein kleines Projektil, das sich quer durch eine Limousine in einen Arm bohrt, schon gar nicht. Statistisch kommt fast auf jeden Amerikaner eine Schusswaffe. Da ist der Ausnahmezustand normal. Gibt es überhaupt noch etwas, was einen Altgedienten wie Larry erschüttern könnte? Larry muss nicht lange nachdenken. Er fährt einen Block weiter. Dort, im Schatten einiger abgerissener Wohnblocks, die selbst nur noch ein schwarzer Schatten sind, hängen ein paar Jugendliche herum. Das ewige Herumhängen, das Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit und Geschäfte, die er public urination nennt, genau das ist es, was ihn ärgert. Auch das fortschrittlichste Polizeikonzept kann einen Altgedienten wie Larry nicht dazu bringen, hier ruhig zu bleiben. Zumindest im Augenblick noch. In den Schulungen, die er künftig erhält, wird er lernen, auch mit solchen >>Problemen< < besonnener umzugehen.

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Chicago bildet eine Ausnahme. Die ordnungspolitischen Prognosen für den Rest der USA stehen weniger gut. Seit den neunziger Jahren entwerfen Beobachter geradezu apokalyptische Szenarien. Ihr zentrales Stichwort lautet Ausschluss, Exklusion. Die weiße amerikanische Gesellschaft, so verkünden die Voraussagen, werde zu einer Politik der sozialen Ausgrenzung greifen, ihre arbeitslosen, unproduktiven und meist farbigen Mitglieder mehr und mehr in Ghettos unter Verschluss nehmen. Furore machte das 1990 veröffentlichte Buch >>City of Quartz< < des kalifornischen Stadtsoziologen Mike Davis. Am Beispiel Los Angeles skizzierte Davis den langsamen Umbau der amerikanischen Städte in Klassen- und Rassenfestungen. Kritiker interpretierten die wenig später, 1992, dort ausgebrochenen Rasseunruhen als Bestätigung von Davis’ Auffassung.
In seinem Buch >>Poor Discipline< < legte der Amerikaner Jonathan Simon vor einigen Jahren eine rechtshistorische Untersuchung vor, worin er dem von Davis skizzierten Trend in die Kategorien eines postmodernen Strafrechts übersetzte. Seine Zukunftsschau fiel entsprechend aus. Simon sprach zum ersten Mal von Polizei und Justiz als einer Gewalt without narration, was man vielleicht am besten mit >>ohne Umschweife< < übersetzen könnte, von einem System der gesellschaftlichen Abfallentsorgung ohne moralische Legitimation, in dem man sich keine Mühe mehr gibt, seinen Standpunkt zu erklären. Mittlerweile hat Simon Mitstreiter gefunden. An die Stelle einer Justiz, die nach Tätern, Opfern, Tatmotiven und einem fairen Verfahren frage, so einer der führenden Köpfe der kriminologischen Debatte in den USA, der in Berkeley lehrende Sozialwissenschaftler Loic Wacquant, sei jetzt die flächendeckende Ausschließung der sogenannten städtischen Unterklassen getreten. Wie in der frühen Neuzeit, so kritisiert er, ersetze das Straf- und Ordnungsrecht die Sozialpolitik. Aus dem safety net werde ein dragnet, ein Netz polizeilicher und strafrechtlicher Kontrolle.
Mit anderen Worten: Das ursprünglich im alten Europa beheimatete und in die Neue Welt übertragene Exklusionsmodell ist im Begriff, in den USA zur Vollendung zu gelangen. Um Belege sind kritische Beobachter nicht verlegen. Tatsächlich bewegen sich die Inhaftierungsraten im Land der Freiheit heute in ähnlichen Größenordnungen wie in den ehemaligen stalinistischen Diktaturen. Nur Russland steckt derzeit noch mehr Leute in den Knast. Amerika ist ihm statistisch gesehen dicht auf den Fersen. 1,7 Millionen Amerikaner, in absoluten Zahlen achtmal so viele wie in den Ländern der EU, sitzen derzeit hinter Schloss und Riegel. Zu den Weggeschlossenen kommen weitere 3,7 Millionen Menschen unter justitieller Aufsicht, denen auf Bewährung (on probation) oder auf Ehrenwort (on probe) Strafaussetzung gewährt wurde. Ihre Zahl entspricht etwa der Bevölkerung einer Großstadt von der Größe Londons. Republikanische Politiker haben während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs noch eins draufgesetzt und das Horrorszenario auf die Zukunft ausgeweitet. Nur zehn Jahre nach der Jahrhundertwende, so prognostizierten sie, würden in amerikanischen Städten über eine Viertelmillion jugendlicher sogenannter super predators, d. h. vergewaltigender, mordender und marodierender Zeitbomben leben. Prophylaktisch forderten sie schon jetzt die Einrichtung von 150.000 Gefängnisplätzen, für eine Generation, die noch gar nicht geboren ist oder im Augenblick noch in den Windeln steckt.
Doch es geht nicht nur um Zahlen. Kenner der Szene, wie die am Freiburger Max-Planck-Institut für vergleichendes und internationales Strafrecht tätige Amerika-Referentin Susanne Walther, weisen darauf hin, mit welch ungeheurer psychischer Energie Strafverfahren und die Ächtung der Täter in der amerikanischen Gesellschaft vorangetrieben werden.
Das in diesem Zusammenhang gern benutzte Wort to ban macht die mittelalterliche Herkunft der punitiven Maßnahmen deutlich: Die Strafen sollen auf der Gemeinschaft ausschließen, verbannen, und zudem zur Warnung dienen. Nicht für die Täter, denn die haben unter Umständen gar nichts davon, sondern vielmehr für die normale Öffentlichkeit. Wer Pech hat, dem kann es gehen wie einer Frau in Florida. Sie wurde dazu verurteilt, ein T-Shirt zu tragen mit der Aufschrift I’m a child abuser, ich misshandle mein Kind. Diese Art der Täterbeschämung findet überall in Amerika Anhänger, sie ist Mode. Andere werden dazu verdonnert, Aufkleber mit ähnlichen Botschaften an der Stoßstange ihres Wagens zu befestigen oder ein entsprechendes Schild im Vorgarten aufzustellen.
Propagiert wurde die Täterbeschämung schon vor zehn Jahren von dem australischen Kriminologen John Braithwaite. Seine Auffassung feierten Kriminologen aus aller Welt als Paradigmenwechsel in der kriminologischen Forschung. Braithwaite sah Beschämung zunächst als Teil des unmittelbaren Ausgleichs und der direkten Verhandlungen um Wiedergutmachung zwischen Tätern und Opfern. Ziel war die Reintegration des Täters, weshalb Braithwaite von >>reintegrierender Beschämung< < als explizit nicht-stigmatisierender Sanktion sprach. In Amerika ist aus der Täterbeschämung etwas anderes geworden: Eingebunden in die Uralt-Mechanismen von Schuld und Sühne mutierte sie zum Instrument rachsüchtiger Vergeltung.
Spätestens Mitte der neunziger Jahre hat sich das Interesse der an Kriminalitätsbekämpfung interessierten Öffentlichkeit New York zugewandt. Über Nacht wurde die Metropole zum Mekka der Kriminologen und Ordnungspolitiker aus aller Welt. In New York hatten Stadtverwaltung und Polizei >>Nägel mit Köpfen gemacht< < und systematisch Drogendealer, Obdachlose und Graffitisprüher aus der City zu verjagen versucht. Das andernorts eher noch vereinzelt oder im Verborgenen wirksame Paradigma territorialer Exklusion wurde hier erstmals >>effektiv< <, flächendeckend und medienwirksam in Szene gesetzt. Die New Yorker Polizeireform, folgert der Frankfurter Soziologe Heinz Steinert in einer Analyse, >>war die bestvermarktete Polizeireform aller Zeiten< <. Schlagworte wie zero tolerance, Null-Toleranz, das nach dem ehemaligen Polizeipräsidenten Bill Bratton benannte Bratton-wonder und die eher schon betagte broken window-Theorie der Kriminologen James Wilson und George Kelling, bereits 1982 in der Zeitschrift Atlantic Monthly veröffentlicht und nun von den neo-konservativen think tanks wieder entdeckt, waren plötzlich in aller Munde.
Wilsons und Kellings Theorie besagt, dass man bei der Beseitigung von disorder im Kleinen, im Sichtbaren, auf der Straße ansetzen müsse. Jede eingeschlagene Fensterscheibe, jede auf dem Boden ausgetretene Zigarette, jeder Graffiti-Strich muss sofort beseitigt werden. Mehr nur als bloße Verunreinigungen sind sie der kleine Finger, den das Monster Kriminalität ausstreckt. Die Amerikaner gebrauchen in diesem Zusammenhang den Begriff disorder. Aber disorder beschreibt nicht nur wie im Deutschen einen unordentlichen Zustand oder unordentliches Verhalten. Im Amerikanischen wird darüber hinaus eine moralische Dimension immer mitangesprochen. Der Aufruf, disorder zu bekämpfen, ist auch eine unausgesprochene Drohung und Vorwarnung, dass man die Welt aufräumen werde wie ein unordentliches Wohnzimmer, dass man auch noch auf das kleinste zerbrochene Fenster sein Augenmerk richten werde, damit der Schaden nicht ausufert und die Gesellschaft nicht im Chaos, in der Anarchie versinkt. >>Sicher und sauber< <, der von deutschen Stadtoberhäuptern geprägte Slogan, ist eine direkte Übersetzung dieser Auffassung.

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Das Unterfutter der broken-windows-Theorie bildet ein ganzes Bündel neodarwinistischer und soziobiologischer Vorstellungen, die in der Auffassung gipfeln, Verbrechen seien eine wie eine gefährliche Epidemie zu behandelnde Krankheit, ein public health problem. Kriminologie bedeutet in den USA vielfach Virologie. Nicht zufällig wird ein Teil der kriminologischen Forschung nicht mehr nur von sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituten betrieben. Stattdessen gewinnen die staatlichen Gesundheitsbehörden zunehmend Einfluss in der Verbrechensforschung. Vor einiger Zeit gab es Forschungen zur Isolation eines >>Tätergens< < und Experimente mit dem Botenstoff Serotonin. Wenn der Serotoninspiegel im Körper absinkt, steigt die Bereitschaft zur Gewalt.
Der Paradigmenwechsel in der Verbrechensbekämpfung wurde vor ungefähr zwanzig Jahren durch Analysen von Kriminalstatistikern vorbereitet. Man stellte damals fest, dass über 50 Prozent aller Straftaten von immer denselben Straftätern begangen würden, den sogenannten chronic offenders, den Mehrfachtätern. Aus diesen Befunden galt es dann nur noch die sicherheitspolitischen und >>seuchen-polizeilichen< < Konsequenzen zu ziehen. Gelänge es der Gesellschaft, die chronischen Verbrecher (möglichst frühzeitig) in ihren problematischen Anlagen zu erkennen und vor der Gesellschaft wegzusperren, so sei es möglich, den Kampf gegen das Verbrechen zu gewinnen.
Doch Menschen werden nicht von Tätergenen gerpägt, sondern von ihrer Umwelt. Das Konzept des chronic offenders ist zu simpel und zu ungerecht, um ein sinnvolles Mittel der Kriminalitätspolitik zu sein. Was es praktisch bedeutet, bekamen Fachleute immer wieder zu hören. Bei einem Kongress der amerikanischen Gesellschaft für Kriminologie wurde vor einiger Zeit der Fall eines chronic offenders diskutiert, den man nach dem Grundsatz >>drei Straftaten, und du bist dran< < zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Sein drittes Verbrechen war der Diebstahl einer Pizza.
Trotz dieser offenkundigen Grausamkeiten hat das three strikes and you are out-Modell auch in Europa Nachahmung gefunden. Ausgerechnet das >>liberale< < Großbritannien wurde zum Einfallstor der aufgefrischten Exklusionssemantik. Schon zu Zeiten der >>Eisernen Lady< < Margaret Thatcher und ihres blassen Nachfolgers hatten sich die Gefängnisse gefüllt. Noch in John Majors Zeit fällt ein Gesetz, das das amerikanische three strikes and you are out übernimmt. Die Formel stammt aus dem Baseballspiel. Drei Fouls, und man ist draußen. Ins Strafrechtliche gewendet funktioniert der Mechanismus freilich umgekehrt. Drei Straftaten, und man ist drin, wenn’s sein muss lebenslänglich. Mit seiner neuen Law and Disorder Bill hat Tony Blairs Innenminister Jack Straw ein Instrument geschaffen, das den Weg der konservativen Vorgänger zementiert.
Vieles, was in Amerika und in Europa im Zusammenhang mit dem >>Wunder von New York< <, dem Kampf gegen die Großstadtkriminalität oder dem >>Krieg gegen die Drogen< < verhandelt wurde und wird, wäre ohne die seit der Präsidentschaft Ronald Reagans anhaltende Konjunktur konservativer ordnungs- und sicherheitspolitischer Vorstellungen nicht denkbar. Auch deutsche Kriminalisten, Polizeiführer und Politiker reisen immer wieder gerne in die USA, um sich in präventiver Polizeipolitik, community policing genannt, zu üben und von den neuen Sicherheits- und Strafkonzepten zu lernen. 1998 ist nicht umsonst zum >>Jahr der inneren Sicherheit< < ausgerufen worden.
Der Eifer der Adepten reicht bis in die Kommunen. Das Verbot des öffentlichen Urinierens wurde etwa in Mannheim in die Satzung der Ortspolizeibehörde aufgenommen. Oder sicherheitsbewusste Bürgermeister organisieren wie in Stuttgart eine kehrwochenähnliche Generalreinigung der Fußgängerzone, genant >>Let’s putz< <, im Stil von broken window. Denn dort, wo’s dreckig ist, dort haust auch das Verbrechen, so einfach ist das.
Das strahlende Medienimage hielt jedoch nicht immer, was es versprach. Mittlerweile ist das noch gar nicht so alte >>Wunder von New York< < in die Jahre gekommen. Die Creme der deutschen Polizeipräsidenten spricht sich mittlerweile eindeutig gegen das New Yorker Modell aus. Zuviel war da zusammengekommen, was am Lack kratzte. In New Yorks Nachbarstaaten schnellte die Kriminalitätsrate nach den Säuberungsmaßnahmen auffällig in die Höhe, und Amnesty International monierte immer wieder grobe Verstöße gegen Menschenrechte. Im August 1997 ging ein besonders entwürdigendes Vorkommnis durch die Weltpresse: Im New Yorker Stadtteil Brooklyn zwingen zwei Polizisten einen bereits durch Schläge verletzten und mit Handschellen gefesselten Haitianer in die Knie. Sie reißen ihm die Hosen vom Leib und vergewaltigen den Mann mit dem Stiel einer Toilettenbürste. Anschließend rammen die Beamten das Folterwerkzeug in den Mund des Opfers. Mehrere Zähne brechen ab. Es vergehen Stunden, bis die Polizisten einen Krankenwagen rufen und den blutenden Schwerverletzten in eine Klinik bringen lassen. >>Wir haben jetzt Giuliani-Zeiten und keine Dinkins-Zeiten mehr< <, brüllt ein Beamter dem 30 Jahre alten Einwanderer noch hinterher. Das sagt viel. Rudolph Giuliani ist New Yorks republikanischer Bürgermeister, der mit harter Hand für Ruhe und Ordnung in der Millionenstadt sorgt. David Dinkins, der erste schwarze Bürgermeister, war sein Vorgänger.
Wie überall hat der Populismus der Ordnungsfanatiker kurze Beine. Disparitäten lassen sich auf Dauer nirgends unter den Teppich kehren. Immer mehr amerikanische Kriminologen wenden sich offen gegen das, euphemistisch gesagt, >>rassische und soziale Missverhältnis< < in der gängigen amerikanischen Strafrechtspolitik. >>In Wahrscheinlichkeiten auf ein ganzes Leben hochgerechnet< <, schreibt der Soziologe Loic Wacquant, >>liegen die Chancen für einen schwarzen Mann, , mindestens ein Jahr in seinem Leben im Gefängnis zu verbringen, bei 1 zu 3, für einen Hispanic bei 1 zu 6, wohingegen ein Weißer eine Chance von 1 zu 23 hat.< < (Le Monde Diplomatique 7/98)
Das große Wegsperren konzentriert sich auf junge farbige, besonders schwarze Männer aus der Unterschicht. Über ein Drittel der Schwarzen zwischen 20 und 30 Jahren befindet sich bereits in irgendeiner Art und Weise in den Fängen der Justiz. Sei es, dass sie im Gefängnis sitzen, unter Aufsicht des Gerichtes stehen oder auf ihre Verhandlung warten. In den Großstädten ist es über die Hälfte dieses Alters. In den schwarzen Ghettos werden Spitzenquoten bis zu 80 Prozent erreicht. Noch einmal: 80 Prozent der jüngeren Männer stehen dort unter justizieller Überwachung!
Die Gefängnisbranche boomt wie kaum eine andere. Die Gehälter von Schließern in kalifornischen Knästen liegen um ein Drittel höher als die Einkünfte dortiger Hochschullehrer. Tatsächlich ist das amerikanische Gefängniswesen, zumal das privatwirtschaftlich betriebene – man spricht zu Recht von prison industries – in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden. Große amerikanische Konzerne investieren in die Gefängnisindustrie. Wer einen Abend im Kino oder Theater verbringen will, bucht bei Ticket Services, die vom Gefängnis aus operieren.
Enzo Mignione, Mailänder Soziologe und bekannter Armutsforscher, sieht hinter der amerikanischen Polizei- und Strafrechtspolitik, ohnedies nur einen großangelegten Versuch, die Justiz in ein arbeitsmarkt- oder sozialpolitisches Steuerungsmittel umzufunktionieren. Diese Beobachtung relativiert auch ein anderes Wunder aus der Wunderwelt multimedialer Politikvermittlung: das vielgepriesene amerikanische >>Jobwunder< <. >>Wenn nicht< <, so Mignione, >>eine übermäßige Anzahl beschäftigungsloser Jugendlicher im Gefängnis einsäße, dann wäre die Quote der Arbeitslosen in den USA gleich hoch wie in Europa.< < Das neue amerikanische Jobwunder wäre bloße Makulatur.

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Über 4200 Häftlinge wurden in diesem Jahrhundert in amerikanischen Gefängnissen hingerichtet. Rund siebzig Prozent der US-Bürger sind von diesem mittelalterlichen Strafritual durchaus angetan und vertrauen auf die abschreckende Wirkung staatlicher Tötung. Amerikanische Kampagnen gegen das Verbrechen muten wie Kreuzzüge an. Vor ein paar Jahren hat der norwegische Kriminologe Niels Christie laut darüber nachgedacht, ob das amerikanische Strafrecht nicht auf dem besten Weg sei, einen neuen, westlichen Typus des >>Archipel Gulag< < hervorzubringen. Der Tübinger Kriminologe Elmar Weitekamp, der an der University of Pennsylvania in Philadelphia forschte, sieht die Entwicklung ähnlich. Weitekamp (1998) spricht von einer punitiven Katastrophe, von einem ständig fortgeschriebenen Wahnsinn.
Alles wird immer schlimmer? Auch in den USA? Nach dem bisher Gesagten erahnt man die Antwort: Was der Bedrohungspsychose dient, muss in der Verbrechensstatistik nicht unbedingt einen realen Gegenwert haben. Die Zahl der Verbrechen geht in den USA seit 1980 zurück, zum Teil deutlich. Der Anstieg der Inhaftierungen ist kein Indiz für ein Ausufern des Verbrechens, sondern für einen anderen Umgang mit ihm. Die Masse der Verurteilungen ist unmittelbare Folge des >>Krieges gegen die Drogen< <. Sie betrifft Drogen- und Eigentumsdelikte und nur zu einem geringen Teil Kapitalverbrechen. Der amerikanische Diskurs um die Kriminalität spiegelt vielmehr den scheinbar unstillbaren Durst der Rächer nach Strafen und Ausschließen wider. Kein Land der Welt führt einen so fanatischen Kampf gegen die Unordnung, gegen das Wilde und Unzivilisierte wie die USA.
In der Besonderheit der nordamerikanischen Geschichte liegt begründet, weshalb das in der >>Alten Welt< < auf dem Boden der monotheistischen Religion erwachsene Schema der Aus- und Abgrenzung – der Ägyptologe Jan Assmann hat es kürzlich mit dem Begriff >>die mosaische Unterscheidung< < beschrieben – gerade hier, in der >>Neuen Welt< <, zu einer geradezu einzigartigen Blüte gelangen konnte.
Zwar sind in der Verfassung der Vereinigten Staaten Staat und Religion strikt getrennt, und die amerikanische Kultur gilt als extrem säkularisiert, verweltlicht. Aber das bedeutet nun gerade nicht, dass Religion im öffentlichen Leben keine Rolle spielen würde. Niemand wüsste das besser als der oberste Mann im Staate selbst. Der Kirchgang ist ein von der Präsidentenfamilie allsonntäglich pflichtschuldigst absolviertes Medienereignis.
Nicht von ungefähr sind für das Geschäft der Gesellschaftstheorie in den USA anders als in Europa seltener die Politologen oder Soziologen als vielmehr die Religionswissenschaftler zuständig. Robert N. Bellah, einer der bekanntesten unter ihnen, hat vor Jahren die Reden der amerikanischen Präsidenten untersucht und herausgefunden, dass sich in ihnen lauter Hinweise auf einen aus dem engeren kirchlichen Kontext gelöster Katalog von Werten, Normen und Glaubensüberzeugungen versteckten. Bellah nannte diese amerikanische Allerweltsreligion civil religion.
Den Gegenpart zum Zivilen bildet die Wildnis. In den Debatten der amerikanischen Gesellschaftstheorie ist wilderness neuerdings zu einem Schlüsselbegriff geworden. Im Kosmos religiöser und gesellschaftspolitischer Ordnungsvorstellungen nimmt er einen zentralen Platz ein. Kein Land auf der Welt führt so erbitterte Kampagnen gegen Unordnung und Verwilderung und ist gleichzeitig von der Wildnis so fasziniert wie die USA. Nirgendwo ist die Liebe und zugleich der Hass auf die künstliche Zivilisation der Städte größer als in den USA.
Der fundamentale Gegensatz zwischen Wildnis und Zivilisation, Chaos und Ordnung, die gefährliche Reduktion der Weltgeschichte auf den Widerstreit zwischen Licht und Finsternis (so der Religionswissenschaftler Norman Cohen) prägt das amerikanische Denken und Rechtsempfinden nicht nur im Innern, sondern auch dort, wo sich die Großmacht Amerika zum Weltpolizisten berufen fühlt und community policing im Weltmaßstab betreibt, also in der Außenpolitik. Kluges diplomatisches Taktieren weicht der Einsicht, dass Strafe, Krieg, Auslöschung bessere Lösungen seien. Offenkundig hat sich die europäische Öffentlichkeit schnell wieder an die chiliastisch-dualistische Weltsicht der USA gewöhnt. Hier wie dort ist man zu allem bereit, wenn es darum geht, das Böse zu bekämpfen.
Bis heute merkt man der amerikanischen Kultur an, dass sie aus der Hand und Tradition der aus Europa emigrierten puritanischen Sekten geschaffen wurde. Auf dem im europäischen Sinne unzivilisierten Kontinent fanden und suchten sie, so der Religionswissenschaftler Michael Walzer, die Wüste und Wildnis, die schon in der Bibel Johannes dem Täufer oder Jesus als Ort der Anfechtung und zugleich Festigung im Glauben gedient hatte. Das Modell der Herausforderung und der Bewährung ist der amerikanischen Nation geblieben, ob im Krieg gegen Vietnam oder im Kreuzzug gegen das Verbrechen in den Städten.
Und auch das Gemeinschaftsmodell der Sekte hat die religiöse und säkulare Öffentlichkeit Amerikas aus den Zeiten der Pilgrim Fathers herübergerettet. In der Tat erinnert, was heute unter dem Begriff Exklusion erörtert wird, an die von Max Weber beschriebenen, ebenso elitären wie im eigentlichen Sinne exklusiven >>Kirchenzucht< <-Rituale, in denen die protestantischen Sekten sich von unwürdigen Mitgliedern um der eigenen Heiligkeit willen zu trennen und den Bann über sie zu verhängen pflegten. Amerika aber ist von Anbeginn an das Land der Sekten und ihres – wie Max Horkheimer schrieb – säkularen Gegenparts, der Banden.
Ein zentralisiertes Staatswesen und Rechtssystem wie in Europa haben die USA nie voll ausgebildet. Schon in der Namensgebung taten das die US-Amerikaner kund: United States of America, die Betonung liegt auf der Pluralität (states), nicht auf dem Prinzip der Einheit (united). Und so ist es bis heute geblieben. Wer es im öffentlichen Leben zu etwas bringen will, muss einer religiösen Gemeinde, einem anderen weltanschaulichen Club oder sonst einer Gruppe vor Ort angehören. Wer seine Bonität verliert oder abtrünnig wird, den erwarten Exklusion aus der Gemeinschaft und im schlimmsten Falle >>Exekution< <. Er ist >>fertig< <. Ein republikanischer Präsidentschaftskandidat, der nicht den religiösen Eiferern, den Promise Keepers, der Christian Coalition oder Abtreibungsgegnern das Wort redet, ist politisch schnell ein toter Mann. Ein amtierender demokratischer Präsident, der eine amouröse Affaire hat, wird schneller, als er sich’s versieht, an den Internet-Schandpfahl gestellt. So wie früher in der puritanischen Tradition unverheiratet schwangere Frauen im >>Hurenstuhl< < zur Schau gestellt und >>beschämt< < wurden.
Wenn heute, aus welcher politischen Richtung auch immer, in den Vereinigten Staaten eine wirklich grundlegende Erneuerung von Politik und Gesellschaft angemahnt wird, ruft kaum jemand nach dem >>starken Staat< <. Der versieht vorwiegend aktuelle Ordnungsfunktionen. Man greift ansonsten auf die sozialen Organisationsformen der Pionierzeit zurück. Back to the roots wollen radikale Fundamentalisten ebenso wie (meist) linke Kommunitarismustheoretiker.

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New York und >>Null-Toleranz< < beschreiben nur eine Seite der Medaille. Die andere, nicht annähernd so spektakuläre, heißt Chicago. Chicago ist eine Stadt, die von Arbeitern und Kapitalisten geschaffen wurde. Dort wurde die Industrialisierung des Essens, des Verkehrs und des Verbrechens erfunden. In dieser Hinsicht ist Chicago ein Modell, denn in dieser Stadt ist es möglich, soziale Phänomene experimentell zu erforschen. Das sagt der römische Publizist Marco d’Eramo. 1995 hat der Schüler Pierre Bourdieus ein Buch über Chicago geschrieben. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel: >>Das Schwein und der Wolkenkratzer, Chicago – eine Geschichte unserer Zukunft< <.
Chicago – Schmelztiegel, Motor, Sinnbild des kapitalistischen Amerika. Chicago – Weltmetropole des Verbrechens. Nicht umsonst wurde die Stadt wie keine andere Stadt der Welt zum Mekka der Sozial- und Kriminalitätsforschung, einem Eldorado der Urbanisten, Kriminologen und Soziologen. Die sogenannte Chicago-School, Namen wie Robert Ezra Park, Clifford Shaw oder Henry McKay sind zur Legende geworden. Die Stadt ist die Wiege der sogenannten Gang-Literatur. Bis heute. Mit den Holzhammermethoden des New Yorker >>Null-Toleranz-Konzepts< < wäre man hier nicht weit gekommen, sagen Kenner der Szene. Es ließe sich in Chicago nirgendwo durchsetzen. Die beiden Metropolen unterscheiden sich schon in oft ganz alltäglichen Einzelheiten. Wer mit Bussen oder den auf wuchtigen rostigen Eisenstelzen durch die City rollenden Bahnen die Stadt besichtigt, dem wird auffallen, dass Hinweisschilder und Erläuterungen meist zweisprachig, Englisch und Spanisch, gehalten sind. In ihrem äußeren Erscheinungsbild gibt sich die Stadt >>multikultureller< <, umgänglicher und toleranter als etwa New York. Chicago ist, wenn man so will, ein Ort mit einem ausgeprägten soziologischen Gespür und Gefühl für Minderheiten und Randgruppen.
In Chicagos Kommunalpolitik tritt die repressive und individualistische Sicht der amerikanischen Mittelschicht zurück hinter einem Standpunkt, der das Beziehungsgeflecht in und zwischen den Ethnien, Gruppen, Seilschaften und kriminellen Gangs einkalkuliert. Denn deren Heimat sind beileibe nicht nur die backstreets und Ghettos. Ein Netz (nach mitteleuropäischem Verständnis) >>mafiöser< < Verbindungen durchzieht die ganze Stadt. Auch heute noch fühlen sich Beobachter gelegentlich an die goldenen zwanziger Jahre erinnert, als Al Capone ein halbes Hotel direkt neben dem Rathaus anmietete, um von dort aus den von ihm gesponsorten Bürgermeister besser im Auge behalten zu können. 1997 mussten allein in der Justiz 50 Richter wegen korrupter Machenschaften ihre Sessel räumen.
Als Gegenstrategie haben Stadtverwaltung und Polizei seit 1994 ein CAPS (Chicago Alternative Policing Strategy) genanntes Präventivprogramm eingerichtet. Sein Motto: Together we can. Zehntausende Chicagoer Bürger wurden seitdem darin trainiert. Organisatorisches Herzstück von CAPS bilden die sogenannten beat meetings. Chicagos 25 Polizeidistrikte zerfallen in insgesamt 280 Verwaltungseinheiten, die beats. Auf der Ebene dieser Einheiten versucht die Polizei die jeweiligen Probleme des Viertels zur Sprache zu bringen und gemeinsam mit den Bürgern eine Art Sicherheitspartnerschaft zu entwickeln. Die Einwohner werden zur Wachsamkeit erzogen gegenüber dem, was in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft passieren kann, zum Beispiel Vandalismus, Autodiebstahl, Einbrüche etc. Darüber hinaus bietet die Stadt eine Vielzahl begleitender Angebote, pädagogischer und sozialpädagogischer Initiativen, aber auch Programme zur Sanierung von heruntergekommenen Wohngegenden oder zur Bekämpfung von Ratten.
So unterschiedlich die soziale Zusammensetzung der beats ist, so unterschiedlich fallen ihre sicherheitspolitischen Erfolge oder Misserfolge aus. In den Stadtvierteln im Nordosten der Stadt, wo die Weißen und Vermögenderen wohnen, die ihre Sicherheitsinteressen ohnedies an die Polizei heranzutragen gewohnt sind, bereitete die Einführung von CAPS kaum Probleme. Um so mehr haperte es mit der Umsetzung: Angesichts der weißen Übermacht ließen sich andersfarbige Mitbürger schwer zu einer Mitarbeit bewegen. Gelegentlich wurde die Tendenz deutlich, die Polizei zu instrumentalisieren, etwa wenn Geschäftsleute mit dem Wunsch auf den Plan traten, die Zugänge zur U-Bahn oder Flächen vor ihren Läden möchten von Minderbemittelten oder herumstehenden Jugendlichen gesäubert werden. Unter solchen Vorzeichen lässt sich auch mit CAPS wenig bewegen.
Anderswo, betont Larry Crowe, ein Mitarbeiter der Chicago Allience for Neighborhood Safety, sei in der Tat schon einiges in Bewegung gekommen. Vor allem in den überwiegend von Schwarzen bewohnten alten Industriedistrikten im Süden und Westen der Stadt habe CAPS brillante Erfolge vorzuweisen. Dort, wo sich nur wenige Männer in der Öffentlichkeit blicken lassen, weil sie entweder im Knast sind oder die Mütter darauf spekulieren, mehr Sozialhilfe zu bekommen, wenn sie sich als >>alleinerziehend< < melden, sank die Kriminalitätsrate dank der beat meetings deutlich.
Englewood im Süden der Stadt galt zu manchen Zeiten statistisch gesehen als das Gebiet mit der höchsten Mordopferrate in den ganzen Vereinigten Staaten. Nach der Einführung von CAPS ist die Mordlust im Viertel rapide gesunken. CAPS hat den Bewohnern nicht nur geholfen, ihre Sicherheitsinteressen vorzutragen, sondern sie auch ganz einfache, aber oft überlebenswichtige Dinge gelehrt. Weil viele mittlerweile wissen, wie man ein Bankkonto einrichtet und das Geld von der Bank verwahren lässt, wurde den dort einst zahlreich vorhandenen Straßenräubern zumindest die Arbeit erschwert. Darüber hinaus haben die regelmäßigen meetings nach Crows Auffassung dazu geführt, dass Bewohner benachteiligter Viertel soziale und schulische Rechte einzufordern begannen, von deren Existenz sie bis dahin praktisch keine Kenntnis hatten.

Die >>Allianz für nachbarschaftliche Sicherheit< <, eine Gründung des Bürgerrechtlers Warren Friedman, betreut den pädagogischen Teil von CAPS, das Training von Polizisten und anderen Ansprechpartnern in den Distrikten. Teamer wie Larry Crowe legen Wert auf Unabhängigkeit. Sie verstehen sich als kritischer Partner, nicht als verlängerter ziviler Arm des Polizeiapparats. Im Zweifelsfall stehen sie eher auf der Seite derer, die sich dem Anliegen von CAPS verweigern. Dies ist so in den Distrikten, in denen viele Latinos leben. Sie verhalten sich abwartend bis distanziert. Negative Erfahrungen mit der Polizei vergisst man dort offenkundig nicht so schnell. Zu gut weiß man bei der Alliance, wie schwierig es ist, der Polizei eine neue Rolle zu verpassen. Reaktion, Repression, Crowe betont es ausdrücklich, gilt auch in Chicago trotz allen guten Willens als das dominierende Muster polizeilicher Intervention.
Nicht wenige Beamte fühlen sich durch das neue Rollenbild schlechterdings verunsichert. Maß sich das Erscheinungsbild der Polizei bislang ausschließlich an der Zahl der Verhaftungen und Akten persönlichen Heldentums, so brachte das neue Präventionskonzept einige Verunsicherungen mit sich. Gratifikationen für die eigene Arbeit oder gar Pluspunkte für die Karriere lassen sich nach herkömmlichen Verständnis kaum sammeln, wenn man auf beat meetings den Dienstleiter spielt und die Fragen der Leute beantwortet. >>Du kannst ein Held werden, wenn du Al Capone oder so fängst< <, sagt Crowe, >>aber du wirst kein Held, wenn du in community meetings herumsitzt, egal, wie erfolgreich du dort bist.< <
Viele der CAPS-Mitarbeiter teilen die Auffassung, wonach die neue Sicherheitspolitik nur dann erfolgreich sein kann, wenn es gelingt, einen neuen Blick für die sozialen Ursachen der Kriminalität und jene Schichten zu finden, mit denen kriminelles Handeln landläufig in Verbindung gebracht wird. Dwight Conquergood, Kulturwissenschaftler an der Northwestern University, zählt in dieser Hinsicht zu den Pionieren. Seinen Ruf nach einer radikalen Neuorientierung des öffentlichen Diskurses über Kriminalität begründet er mit einem für einen Wissenschaftler ungemein reichen praktischen Erfahrungsschatz. Gefördert durch ein Projekt der Ford-Foundation, hat sich Conquergood in einer sogenannten no-go-area Chicagos für ein Jahr eine Wohnung gemietet, um das Leben der Straßengangs, ihre Normen und die Geheimnisse ihrer Attraktivität aus erster Hand zu studieren.
Was ist Moral? Was lässt Menschen Normen des Zusammenlebens verletzen? Was macht sie zu Kriminellen? Als Conquergood diese Fragen seinen Jugendlichen im Ghetto stellte und in einer umfangreichen Dokumentation die Botschaft ihrer Graffitis zu entschlüsseln begann, stieß er auf einen überraschenden Befund. Wie erwartet ließen die jungen Leute ein Rechtsbewusstsein im bürgerlichen Sinne fast völlig vermissen. Um so mehr verblüffte ihn allerdings der Umstand, dass die Ghettobewohner amoralisches und kriminelles Verhalten in fast der gleichen Begrifflichkeit zu beschreiben pflegten wie ihre gesellschaftliche Gegenseite. Nur verkehrten sie die Seiten. Nicht das Ghetto erschien als Hort der Kriminalität, sondern die von einem erbarmungslosen Individualismus und Konkurrenzkampf gekennzeichnete Kultur der amerikanischen middle class. Gegen sie setzten sie die kommunitaristische Moral der Familie, der Nachbarschaft und der Gemeinschaft. Nicht der Verfall halte das Ghetto zusammen, sondern die Moral der Brüderlichkeit. Aus diesem Moment heraus erhalten die Gangs ihre Anziehungskraft. Wer dort hingeht, so Conquergoods Ergebnis, tut dies nicht, um Verbrechen zu begehen. Er tut dies, um in einer besseren Welt zu leben.
Auch Wesley Skogan, salopp Wes genannt, der ungesalbte Papst des amerikanischen community policing, Erfinder und geistiger Vater des Chicagoer Programms und einer der ganz Großen der internationalen Kriminologenszene, weiß, wie sehr der Erfolg seiner Idee von dem richtigen Umgang mit Basisstrukturen und Gruppenkulturen abhängt. Ein vereinzelter Besucher eines beat meetings bedeutet ihm nicht viel. Skogans Augenmerk galt von Anfang an kollektiven Strukturen. Wie Mitglieder von Sportclubs, Nachbarschaftsvereinen, religiösen Gemeinschaften, Elterninitiativen, Gruppen und Cliquen über sich und ihre Sicherheit denken, hat Skogan mit einem Heer von Kollegen erforscht. 253 solcher Organisationen wurden genauer unter die Lupe genommen, um herauszubekommen, welche Gruppen wie Zugang zu dem Programm gefunden oder es abgelehnt hatten. Worte wie >>herausfinden< < oder >>herausbekommen< < benutzt der Wissenschaftler indessen gar nicht. Vielmehr spricht er von >>lernen< <, so wie man gemeinhin vom Erlernen einer neuen Sprache spricht. Vom >>Erlernen der Semantik gefährdeter oder krimineller Milieus< < hört man an den deutschen Hochschulen fast nie. In Deutschland regiere keine Kultur des Lernens, sondern eine Kultur des >>erhobenen Zeigefingers< <, meint der Soziologe Wolf Lepenies vom Berliner Wissenschaftskolleg. Sie ist nicht wissbegierig, sondern normativ. Sie fragt nicht, wie etwas ist, sondern weiß es. Die >>Lust am Lernen< <, auch das kennzeichnet Wes Skogans kriminologischer Ansatz.
Mit den Vereinigungen in den communities steht und fällt das ganze Programm. Denn letztlich formt nicht die Polizei den sicherheitsbewussten Bürger. Dies kann nur in Abstimmung mit seinem engeren sozialen Umfeld geschehen, dessen spezifische Interessen, Werte und Gruppenbindungen in das für den jeweiligen beat erarbeitete Sicherheitskonzept miteingehen. >>Die tatsächliche Initiative< <, so Skogans Fazit, >>geht von Gruppen aus, von organisierten Strukturen innerhalb der Nachbarschaft.<< Bei ihnen setzt CAPS an, mit einigem Erfolg. Kollegen, Kunden und Kundschafter, Politiker und Polizeiführer aus aller Welt geben sich bei Skogan die Türklinke in die Hand. Wer immer auf die ordnende Hand des staatlichen-polizeilichen Überbaus und Zugriff von Polizei und Justiz spekuliert hat, wird von ihm eines besseren belehrt. Die CAPS-Beteiligten sehen in den verbissenen Ordnungs- und Ohnmachtsphantasien anderer Städte keinerlei Sinn. Eine mit dem legendären eisernen Besen gesäuberte City wie in New York wünscht hier niemand. In Chicago tragen die Menschen in den einzelnen beats erst einmal selbst vor, was sie unter Sauberkeit verstehen und wie sie diese im Einzelfall verwirklicht wissen wollen.