Souchy: Der blutige Vorhang

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Souchy: Politische Erinnerungen
1930-33: Europa – Der blutige Vorhang
Gegen die steigende Flut

Einige Monate später, es war das Jahr 1929, kehrte ich nach Deutschland zurück. Viele Anzeichen deuteten darauf hin, dass es im Land der Dichter und Denker mit der Demokratie bergab ging. Die gesetzestreuen, parlamentsgläubigen Parteien schienen kein Vertrauen mehr in die legalen Institutionen zu haben, sie schufen sich ihre eigenen außerparlamentarischen, paramilitärischen Organisationen für einen eventuellen Bürgerkrieg: die SA und SS, den >>Stahlhelm< <, den >>Roten Frontkämpferbund< < und die >>Eiserne Front< <. Nationalsozialisten, Deutschnationale, Kommunisten und sogar Sozialdemokraten wollten sich auf die letzte Schlacht vorbereiten. Der Machtkampf verlagerte sich zusehends vom Reichstag auf die Straße, die mehr und mehr von den braunen Bataillonen Hitlers beherrscht wurde.
Wir Anarchisten und Syndikalisten, traditionell Antiparlamentarier, hätten Grund zur Schadenfreude gehabt, doch wir waren nicht so frivol, dazu war die Situation viel zu ernst. Als bescheidene Minderheitsgruppen rasselten wir nicht mit Säbeln, die wir nicht hatten; wo wir aber im Augenblick des Kampfes stehen würden, darüber gab es keinen Zweifel. Abseits geblieben waren unsere militanten Genossen nicht. Wir hatten damals noch rund 50.000 Mitglieder in unseren Gewerkschaften.
Einige Jahre vorher hatten im Café Adler in Berlin am Dönhoffplatz vier ideologisch nicht ganz gleichgesinnte Personen über politische und sozialphilosophische Probleme diskutiert. Es waren der aus der KPD ausgeschiedene Marxist Karl Korsch, der freisozialistisch eingestellte Schriftsteller Alfred Döblin, der schon einmal erwähnte ehemalige russische Justizminister Isaak Nachman Steinberg (in Russland führendes Mitglied der Partei der linken Sozialrevolutionäre) und der als Anarchosyndikalist bekannte Schreiber dieser Zeilen. Wir waren uns nicht in allen Punkten einig, doch war das Gespräch so anregend, dass wir beschlossen allwöchentlich zusammenzukommen.
Unsere Zusammenkünfte sprachen sich herum. Nonkonformisten und Dissidenten, die neue Horizonte suchten, kamen aus dem sozialistischen Lager, Arbeiter, Intellektuelle, Studenten.
Die Zusammenkünfte waren von dreißig bis fünfzig Personen besucht. Jeder konnte sich an den Diskussionen beteiligen. Wir bildeten keinen Verein, hatten kein Statut, keine Vorschriften. Beiträge brauchten nicht bezahlt werden. Unser Forum war eine freiheitlich-sozialistische Schule der Toleranz, in der jede Meinung respektiert wurde.
Als Anfang der dreißiger Jahre die Nazigefahr wuchs, entsprang diesem Kreis der Gedanke einer Kampfgemeinschaft gegen Faschismus und Nationalsozialismus, an der sich Gruppen und Organisationen links von der KPD, Gesinnungsfreunde von Otto Rühle und Franz Pfemfert, Rätekommunisten, Syndikalisten und Anarchisten beteiligten. Unser Ziel sollte nicht allein die Verteidigung der Weimarer Republik sein, die für uns keineswegs eine ideale gesellschaftlich-politische Ordnung war: Im drohenden Nationalsozialismus sahen wir aber das größere Übel, gegen das zu kämpfen wir uns verbündeten. Freilich konnten auch wir die Flut der Hitlerbewegung nicht aufhalten. Aber die durch unsere undogmatische Schule gegangenen jungen Freiheitssucher waren ein wertvolles Element der sozialen Fortschrittsbewegung.

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