Fotopoulos: „Vormarktwirtschaftliche“ Märkte

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Weil die gesellschaftlichen Kontrollen allmählich aufgehoben werden, tendiert die Vermarktwirtschaftlichung dazu, alle Waren und Dienstleistungen marktgängig zu machen und die Bürger in bloße Konsumenten zu verwandeln. Obwohl der Markt heute alle Aspekte des Lebens durchdringt, vom Familienleben bis zur Kultur, der Erziehung, der Religion usw., kann leicht aufgezeigt werden, dass – trotz der Tatsache, dass Märkte seit langer Zeit existieren – die Vermarktwirtschaftlichung der Wirtschaft ein neues Phänomen ist, das in den letzten zwei Jahrhunderten aufgetaucht ist. So wie es Karl Polanyi in seinem klassischen Buch The Great Transformation („Die Große Transformation“) beschreibt:

Vor unserer Zeit hat keine Ökonomie existiert, die auch nur prinzipiell von den Märkten kontrolliert gewesen wäre… Obgleich die Institution des Marktes seit dem späten Steinzeitalter ziemlich verbreitet war (seine Rolle für das wirtschaftliche Leben war wenig mehr als nebensächlich), beschränkte sich seine Bedeutung für das wirtschaftliche Leben darauf, Anreize zu geben… Während die Geschichte und die Volkskunde verschiedene Arten von Märkten kennen, die meisten davon kommen der Institution des Marktes entgegen, kennen sie keine Wirtschaft vor der unsrigen, die auch nur annähernd durch Märkte kontrolliert und reguliert worden wäre. {3} … Alle Wirtschaftssysteme, die uns bis zum Ende des Feudalismus in Westeuropa bekannt sind, wurden entweder nach den Prinzipien der Gegenseitigkeit, der Verteilung, der Subsistenz (das bedeutet der Produktion für den eigenen Gebrauch) oder einer Verbindung dieser drei organisiert. {4}

Die Motive, die das Funktionieren des Wirtschaftssystems sicherten, wurden deshalb von den Sitten, dem Gesetz, der Magie und der Religion abgeleitet – aber nicht vom Gewinnstreben. Märkte spielten bis zum Ende des Mittelalters keine entscheidende Rolle im Wirtschaftssystem. Selbst als die Märkte ab dem 17. Jahrhundert sowohl zahlreicher als auch wichtiger wurden, waren sie strikt von der Gesellschaft kontrolliert – unter Bedingungen, wie sie von Peter Kropotkin bestens beschrieben wurden, die einen selbst-regulierenden Markt undenkbar machten:

Der interne Handel wurde vollständig von den Gilden und nicht von den individuellen Handwerkern ausgeführt – die Preise wurden in gegenseitigem Einvernehmen festgesetzt… Anfangs wurde der externe Handel ausschließlich von der Stadt ausgeführt und erst später wurde es ein Monopol der Kaufleute-Gilde und noch später von individuellen Kaufleuten. … Die Versorgung mit grundlegenden Gebrauchsgütern wurde immer von der Stadt gewährleistet – in einigen Schweizer Städten für das Korn sogar bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. {5}

Als Regel kann gelten, dass sowohl die altertümliche wie die feudale Wirtschaft in gesellschaftlichen Beziehungen wurzelte und die Verteilung der materiellen Güter durch nicht-ökonomische Motive geregelt wurde. Die Güter des täglichen Lebens wurden, selbst im Mittelalter noch, normalerweise nicht auf dem Markt gekauft und verkauft. Verbunden damit, dass vor der industriellen Revolution weder die Arbeit noch der Boden zur Ware ‚degradiert‘ worden war, verdeutlicht diese Tatsache, dass der Vermarktwirtschaftlichungsprozess vor dem Aufstieg der Industrialisierung nicht begonnen hatte. Es geschah deshalb erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts, dass ein sich selbst-regulierender Markt geschaffen wurde, der – zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte – die institutionelle Trennung der Gesellschaft in eine ökonomische und eine politische Sphäre schuf. Weder unter stammesgeschichtlichen, feudalen oder kaufmännischen Bedingungen hatte es eine abgetrennte wirtschaftliche Sphäre gegeben. {6}
Der wirtschaftliche Liberalismus projiziert die Prinzipien, die dem selbst-regulierenden Markt zugrunde liegen, zurück auf die gesamte Geschichte menschlicher Zivilisation, dabei verdreht er die wahre Natur und die Ursprünge des Handels, des Marktes und des Geldes genauso wie die des Stadtlebens, die einem Entwicklungsprozess unterlagen. Fast alle anthropologischen oder soziologischen Annahmen, die in der Philosophie des wirtschaftlichen Liberalismus enthalten sind, wurden von der sozialen Anthropologie, primitiven Ökonomien, der Geschichte früherer Zivilisationen und der allgemeinen Wirtschaftsgeschichte widerlegt. Es gibt sogar beispielsweise keinen Beweis, um die Behauptungen abzusichern, dass es für Menschen natürlich sei, für eine Arbeit Bezahlung zu erwarten („sogar noch im Mittelalter ist eine Bezahlung für die Arbeit von Fremden etwas Unbekanntes“ {7}), oder dass das Motiv des Gewinnstrebens „natürlich“ sei. Dasselbe gilt für eine andere entscheidende Annahme des wirtschaftlichen Liberalismus, nämlich, dass Märkte, genauso wie Geld, spontan entstehen, wenn Menschen sich selbst überlassen wären. Tatsächlich entstehen sowohl Märkte wie das Geld nicht innerhalb einer Gemeinschaft sondern außerhalb. {8} Der Handel selbst hängt nicht von den Märkten ab und sogar der mittelalterliche Geldhandel entwickelte sich in den Anfängen unter dem Einfluss des Exporthandels und nicht des lokalen Handels und fand von seiner Art her mehr zwischen den Kommunen als zwischen den Individuen statt. Des Weiteren besaßen die lokalen Märkte keine Tendenz zu wachsen – eine Tatsache, die belegt, dass im Gegensatz zur gesammelten liberalen (und marxistischen) Weisheit, der Vermarktwirtschaftlichungsprozess der Wirtschaft nicht „unausweichlich“ ist. Damit übereinstimmend stellt auch Henri Pirenne heraus: „Es wäre auf den ersten Blick anzunehmen, dass sich inmitten der landwirtschaftlichen Bevölkerung nach und nach eine Kaufmannsklasse herausgebildet hätte. Es gibt jedoch nichts, das dieser These Glaubwürdigkeit verleiht.“ {9}

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{3} Karl Polanyi, The Great Transformation, the Political and Economic Origins of Our Time (Boston: Beacon Press, 1944/57), S. 43-44.
{4} Polanyi, The Great Transformation, S. 55-56.
{5} Petr Kropotkin, Selected Writings on Anarchism and Revolution (Cambridge, MA und London: Massachusetts Institute of Technology, 1970), S. 231.
{6} Polanyi, The Great Transformation, S. 270.
{7} R.H. Lowie, zitiert in Polanyi, The Great Transformation, S. 270.
{8} Für antropologisches Beweismaterial hierzu siehe Polanyi, The Great Transformation, S. 274-276.
{9} Henri Pirenne, Medieval Cities, zitiert in Polanyi, The Great Transformation, S. 275.